Und das soll jetzt wirklich zwei Stunden so weitergehen? Fragt man, schmunzelnd freilich, nach der ersten halben Stunde von "Rolling", der neuen Arbeit des belgischen Theatermachers Michael Laub. Das Prinzip ist immer gleich: Mit der Ankündigung "This is from ...", nennt eine der fünf Tänzerinnen oder einer der fünf Tänzer einen Filmtitel aus der weitreichenden Geschichte des Kinos und spielt dann einen kurzen Moment daraus vor. Das kann ein prägender Satz von Bette Davis aus "Die kleinen Füchse" (1941) sein oder einfach die Art und Weise, wie Leonardo Di Caprio sich in "Romeo und Julia" (1996) die Haare aus dem Gesicht streift.

Für die meisten dieser Minischnipsel zeichnet Maxwell Cosmo Cramer verantwortlich, der vor zwei Jahren auch schon in Laubs verspielter Arbeit "Fassbinder, Fausts and the Animists" auffiel. Seine Lust zum peniblen Imitat scheint begrenzt, nur mithilfe seines Handys kriegt er die richtige Reihenfolge der zig Filme hin. Aber Cramers gelangweilte Art hat natürlich im ersten Moment auch etwas äußerst Komisches, wie jemand, der beim "Activity"-Spielen Pantomime machen muss. Trotzdem: Soll das jetzt zwei Stunden so weitergehen?

Remote Control Productions 

Michael Laub hat mit dem Label Remote Control Productions in den Achtzigern das postdramatische Theater miterfunden, in seinen Performances geht es immer auch um ein Ausstellen und Hinterfragen der Darstellung selbst. Was ist authentisch, was Pose? 2011 inszenierte Laub am Burgtheater "Burgporträts" dortiger Mitarbeiter, nun "porträtiert" im Schnelldurchlauf eine Unmenge an Filmen. Warum es gerade diese 200 und mehr Filme sind, bleibt unklar. Doch je länger der Abend dauert, desto vielfältiger wird die Art und Weise des Eintauchens darin. Tanzfilme wie "A Chorus Line", "Footloose" oder diverse andere, in denen das "Schwanensee"-Ballett vorkommt, sind besonders stark vertreten – da erinnert uns das bravourös choreografierte Ensemble daran, dass wir ja bei Impulstanz sind.

Einige daraus spielen sich stärker in den Vordergrund, etwa die deutsch-britische Schauspielerin Melissa Holley oder der Amerikaner Greg Zuccolo. Andere dienen mehr der Auffettung der größeren Gruppenchoreografien, die jederzeit entstehen, lange anhalten oder abrupt unterbrochen werden. Zu ihnen gehört die Chinesin Tian Gao, die jedoch gegen Ende ihren großen Moment bekommt. In den ultimativen Metastrudel geratend kopiert sie eine Figur aus einem chinesischen Film, die an Amnesie leidet, sich dann aber an ein Musikstück erinnert und selbstvergessen dazu tanzt.

Imitationsmaschine 

Wenn dann einige der Schnipsel beginnen, sich unvermittelt zu wiederholen, und auf gewisse, abstrakte Weise miteinander zu kommunizieren, hat sich die Imitationsmaschine in "Rolling" längst selbst zum eigenständigen Kunstwerk verdichtet. Manisch bis meditativ arbeitet dieses eigenwillige Live-Archiv daran, all die Filme, die wir gesehen oder nicht gesehen haben – oder vielmehr die vage Erinnerung daran –, in eine Bewegungssprache zu übersetzen. Und dann stellt man fest, dass dieser Abend noch ewig so weitergehen könnte.