Auch aus Scheitern kann Genialität entstehen. Denn als klassische Opernregie ist die Arbeit von Mariame Clément bei den Bregenzer Festspielen klar gescheitert. Sie erzählt die Geschichte von "Don Quichotte" nicht, zerstückelt das Werk zu einer Art Episodenfilm mit wechselndem Personal, springt zwischen Zeiten und Stilen. Aus der Art und Weise, wie sie das jedoch tut, ist im Festspielhaus ein großartig heutiger, wenn auch ziemlich rätselhafter Musiktheaterabend entstanden.

Ein poetischer Held, der von seinen hehren Vorstellungen - die mitunter die Wirklichkeit verzerren - nicht abzubringen ist, zieht sich als roter Faden durch die fünf Akte. Eingebettet ist er stets in eine Welt, die vom moralischen Verfall, vom Bröckeln eines Wertekanons geprägt ist. Die um Don Quichotte gesellschaftlich akzeptierten Bilder von Männlichkeit stehen in krassem Gegensatz zu den Werten des Helden, der im Spiegel der Wirklichkeit dem Spott der anderen ausgesetzt zum Antihelden wird. Dumpfes Rollenklischee sticht subtiles Heldentum. In drei der Akte stößt mit Dulcinée eine Frauenfigur auf diesen hidden hero, diesen verkannten Helden. Auch sie ist von den gockelhaften Männlichkeitsgesten um sie gelangweilt vereinsamt.

Mit Klobürste bewaffnet
gegen den Ventilator

Immer wieder lässt Regisseurin Clément durchblitzen, dass die beiden einander Erlösung wären. Doch auch Dulcinée bleibt in den Konventionen hängen, braucht sie als rückversichernden Spiegel ihrer Weiblichkeit. Es sind also Fragen um Heldentum und Männlichkeit sowie um die erstickende Macht gesellschaftlich vorangedroschener Geschlechterklischees. Die Szenerien, in denen die Regie diesen Fragen nachgeht, befragen heutige Rollen- und Helden-Bilder. Don Quichotte, der im Spiderman-Kostüm eine Straßengang herausfordert. Don Quichotte, der im Hotel mit Klobürste bewaffnet gegen einen Badezimmer-Ventilator kämpft, beschützt nur durch einen Klodeckel. Don Quichotte als herzensguter, von allen gehänselter Nerd im Großraumbüro, der die Chefin verehrt. Raum für eigene Gedankengänge bietet diese Interpretation kaum, vieles bleibt rätselhaft. Doch die Rätsel, die Mariame Clément aufgibt, sind gerade ohne klare Lösung lohnend klug.

Die musikalische Interpretation durch Daniel Cohen am Pult der Wiener Symphoniker ist weniger spektakulär. Die klangliche Zartheit, mit der die Musiker die Partitur den Sängern zu Füßen legen, hätte mehr Schmelz vertragen, verdichtet sich aber mitunter zu einer feinstofflichen Poetik.

Die drei zentralen Figuren sind das herausragende Bindeglied zwischen Bühne und Graben. Gábor Bretz spielt Don Quichotte als diesen aus der Zeit gefallenen Sehnsuchtsort verrohter Männlichkeit nicht nur berückend, er singt die Partie zudem betörend schön, voll warmer Melancholie. Anna Goryachova überzeugt als durch die Regie aufgewertete Dulcinée mit vokaler Klarheit und szenischer Präsenz. David Stout als Sancho Pansa steigert sich zu einem imposant wandelbaren Charakterdarsteller.

Klassischer Opernabend lässt sich diese bei der Premiere am Donnerstag heftig bejubelte Produktion schwerlich nennen. Höchst lohnendes, gegenwärtiges und damit absolut relevantes Musiktheater ist sie allemal.