Jede Zeit hat ihren Jedermann. Mitunter sogar mehrere. Und genauso, wie jede Zeit ihren Jedermann prägt, so gibt jeder Blick, den eine Regie auf Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes wirft, Auskunft über eben jene Zeit, aus der er stammt. Der "Jedermann", den Regisseur Michael Sturminger nun schon das dritte Jahr mit Tobias Moretti auf den Salzburger Domplatz stellt, ist ein absolutes Geschöpf unserer Zeit. Kein grelles Kontrastprogramm, kein provokanter Gegenentwurf, keine kritische Spiegelung - dieser Jedermann ist ein erschreckend glattes Ebenbild der Gegenwart.

Das gedankenlos lustvolle Feiern ist einem schicken Repräsentieren gewichen, bunt ist hier nur das rote Kleid der Buhle. Und selbst das hat einen kühlen Ton. Die Welt um diesen reichen Lebemann glitzert abgesehen davon in blassem Cremeweiß und elegantem Schwarz, lebendig ist hier wenig, das könnte die schöne Fassade beschmutzen. Alles, was diesen Designer-Chic (Ausstattung: Renate Martin, Andreas Donhauser) stören könnte, wird von einem beredten Jedermann ruhig gestellt - wie Edith Clever als hinreißend besorgte Mutter - oder von Securitys im schwarzen Anzug abgeführt.

Mehr ist da einfach nicht

Nach der jugendlich ungestümen Lebendigkeit mancher Vorgängerin wirkt Valery Tscheplanowa als neue Buhlschaft elegant, reif und kühl. Ein schönes, ja beinahe zu schönes Paar geben die beiden ab. Diese Buhle schnurrt im Glitzeranzug stimmungsvoll Chansons (die wunderbare Musik stammt von Wolfgang Mitterer) und lässt sich von den Herren der Tischgesellschaft durch die Luft wirbeln. Es ist Gefühl im Spiel und Kraft, vielleicht sogar ein Funken Liebe. Leidenschaft lodert hier aber keine. Was zählt ist der durchaus charaktervolle, aber dennoch kontrollierte Schein. An Aufrichtigkeit mangelt es den beiden nicht für einander, mehr ist da einfach nicht.

Selbst das Kontrastprogramm zu dieser Designerwelt, liegt im Dunstkreis der schönen Glätte. Der sierige Teufel (überzeichnet von Gregor Bloéb) ist mit langem roten Glitzerschwanz und kleinen Glitzerhörnern der recht harmlose Bodensatz dieser Welt. Der schlaksige Tod (präsent: Peter Lohmeyer), den nackten Oberkörper tätowiert mit schwarzen Jeans, Lackstöckelschuhen und wehendem Rock, ist hier deutlich mehr Schelm. Doch selbst ihm hat diese Welt lakonisch den Stachel gezogen. Der Tod kann warten. Sterben müssen wir alle, kann schon nicht so schlimm sein. Jedermanns Kuss, mit dem er sich letztlich dem Tod hingibt, geschieht da nicht aus tiefer Reue, sondern aus der Einsicht, dass es nichts gibt auf dieser Welt, wofür es sich zu kämpfen, zu leben lohnte. Ein traurig gleichgültiger Tod.

Denn die Werke, sterbenskrank und zugleich kämpferisch verkörpert von Mavie Hörbiger, und der Glaube (stoisch: Falk Rockstroh) sind ebenso schwach wie ein Großteil der Charaktere. Die Figur des Geistlichen funktioniert in diesem heutigen Setting kaum noch. Dafür ist unsere Gesellschaft weit zu säkular. Die Reue Jedermanns ist mehr Resignation, seine Bekehrung dringt auch nicht unter die glatte Oberfläche. Und der Jedermann selbst? Tobias Moretti spielt ihn virtuos, verleiht ihm beeindruckende Facetten. Nahe geht sein Untergang jedoch keine Sekunde.

So ungebrochen auf die Oberfläche der heutigen Zeit gestellt, kann das Spiel seine moralische Wucht nicht entfalten. Damit ist die aktuelle "Jedermann"-Produktion, deren Premiere am Samstag endlich wieder auf dem Domplatz stattfinden konnte, genau die richtige für unsere Zeit. Eine Zeit, die den Tod tunlichst ausblendet, das Sterben an die Medizin delegiert und in Heimen versteckt, verdient keinen Blick in den Abgrund der Erkenntnis. Die Glätte selbst wird zur Fratze. Der Blick prallt an der blanken Spiegelfläche ab. Mehr ist da einfach nicht.