Tobias Kratzer im Bühnenbild. - © Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Tobias Kratzer im Bühnenbild. - © Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Tobias Kratzer, Jahrgang 1980, ist seit elf Jahren im Opernregie-Geschäft. Als er mit dem Studium in München und Bern fertig war, stellte er sich gleich ganz vorn an. Legendär ist sein Coup von 2008. Da ging er beim Grazer "ring.award" unter einem Pseudonym gleich mehrfach ins Rennen und gewann alle Preise. Peter Konwitschny animierte das zu einer Laudatio. So etwas funktioniert natürlich als Karriereschub. Das Besondere: Er hat das Versprechen, das er damit der Opernwelt gab, gehalten.

Mit spektakulären Wagnerinszenierungen ("Lohengrin" in Weimar, "Meistersinger" und "Götterdämmerung" in Karlsruhe). Mit seinen drei Meyerbeers ("Hugenotten" in Nürnberg, den "Propheten" in Karlsruhe und "Afrikanerin" in Frankfurt) hat er gar ein Alleinstellungsmerkmal. Aber auch mit Händel, Mozart, Verdi und Offenbach erregte er Aufsehen, ob in Leipzig, Brüssel, Frankfurt oder Amsterdam. Tobias Kratzer inszeniert gerade in Bayreuth zum zweiten Mal Wagners "Tannhäuser".

"Wiener Zeitung": Sie haben schon drei Grand Operas von Meyerbeer inszeniert. Nutzt das etwas, wenn man Wagner inszeniert?

Tobias Kratzer: Es ist eher so, dass diese Erfahrung den Blick dafür schärft, was sie unterscheidet. "Tannhäuser" inszeniere ich zum zweiten Mal. Dabei haben die Erfahrungen mit den "Meistersingern" viel stärker mein Tannhäuser-Bild beeinflusst als die mit Meyerbeer. Bei Wagner greift man mehr aus der Musik ab, während es bei Meyerbeer stärker vom Libretto ausgeht.

Wenn Sie den "Tannhäuser" jetzt zum zweiten Mal machen, legen Sie da Ihre Bremer Version gedanklich völlig beiseite?

Als ich die Anfrage bekam, habe ich tatsächlich genau deshalb etwas gezögert, einfach anzunehmen. Aber erstens bin ich inzwischen neun Jahre älter, glaube eh nicht an die eine gültige Musterinszenierung und dann mache ich jetzt in Bayreuth die Dresdner Fassung, während es in Bremen die Pariser war.

Wie unterschiedlich sind die Fassungen wirklich?

Die Unterschiede sind größer, als man denkt. Trotz der Ähnlichkeit gibt es für mich eine große gedankliche, fast schon weltanschauliche Differenz. Nach meinem Gefühl ist in der Pariser Fassung letztlich die Erkenntnis des Scheiterns von Wagners realpolitischen Bestrebungen schon einkomponiert.

Ist der Venusberg ein Politikum?

Die Utopie, die damit verbunden ist, zielt nicht mehr auf ein zu verwirklichendes realpolitisches Ziel. Sie ist (in den 15 Jahren zwischen den beiden Fassungen) vollständig ins musikalische Material abgewandert. Plötzlich wird die Veränderung, die er der Gesellschaft angedeihen lassen wollte, vollständig auf die Musik gelegt. Man hat schon von der schieren Länge her das Gefühl, dass er gar nicht mehr wirklich aus dem Venusberg raus will, weil das schon so eine Art utopischer Raum ist. Den ganzen Farbenreichtum und das Raffinement der Musik fühlt man wie einen schwebenden Dunst über dem Rest des Stückes!