Der Chor der Oper in Perm und das Freiburger Barockorchester sind die Stars dieses Salzburger Opernabends. Was sie mit "Idomeneo" zelebrieren: die berückende Schönheit, die wissende Leichtigkeit und seelenvolle Abgründigkeit jeder Note aus der Feder von Wolfgang Amadeus Mozart.

Diesen neugierigen, puren und bis in die letzte Faser vitalen Klang webt in der Felsenreitschule Teodor Currentzis mit ihnen zu einem unglaublichen wie betörend schönen Klangteppich. Sein Mozart ist gleichermaßen liebevoll wie entschlossen, versteht es leichtfüßig zu stampfen und geerdete Unruhe zu versprühen. Er ist frech, bis in die letzte Faser geschmeidig und spricht mit seiner zeitlos kraftvollen Gültigkeit direkt in die Gegenwart. Es sind gütige Menschheitsklänge und -gesänge, die um das Leiden, das Lieben und die Rachsucht kreisen, die den Schmerz liebevoll umarmen und der Hoffnung auf eine bessere Welt Raum geben. Ja, es liegt die Partitur von "Idomeneo" auf den Pulten, aber das ist an diesem Abend nicht so wichtig.

In seiner Gestaltung setzt Currentzis auch hier auf das Ausloten von Extremen in der Dynamik, die Welt zwischen den Polen, sie interessiert ihn kaum. Furioses Forte oder Zeitlupenstudien. Besonders intensiv gelingt Currentzis dieses Herausarbeiten der Tiefenschichten in Mozarts Musik mit seinem Chor, der musicAeterna. An Ausdruck, Plastizität und Präzision reicht kaum ein Opernchor an diesen heran.

Kraft und Geschmeidigkeit

Die Musikerinnen und Musiker des Freiburger Barockorchesters haben sichtlich Freude am Befragen, Durchleuchten, Verlangsamen und Verdichten der Partitur. Sie folgen Currentzis bei dieser Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele am Samstag in der Felsenreitschule mit viel Kraft und Geschmeidigkeit.

Die Sänger behandelt der Dirigent als beinahe gleichberechtigte Instrumente. Sie stolzieren nicht auf dem Klangteppich des Orchesters, sie weben sich organisch in ihn ein. Die chinesische Sopranistin Ying Fang als zart lyrische und präsente Ilia versteht sich auf diese Kunst. Vor allem aber beeindruckt Nicole Chevalier als elegante, kristallklare und präzise wie eruptive Elettra. Russell Thomas ist ein nicht immer sicherer Idomeneo, Paula Murrihy verfügt als Idamante nicht über die nötige vokale Strahlkraft.

In der Zusammenarbeit mit Peter Sellars kann die Produktion nicht an den durchschlagenden Erfolg der "Clemenza" aus dem Jahr 2017 anknüpfen. Der Regisseur nimmt das wütend tosende Meer aus der Oper als Ausgangspunkt für seine sich in luftige Höhen versteigenden Assoziationsketten. Der Mensch, konkret Kretas König Idomeneo, hat sich schuldig gemacht, er schwört einen Jüngling zu opfern - sofern Meeresgott Neptun ihn verschont. Dass dies sein Sohn Idamante sein soll, den er am Strand als ersten Menschen erblicken wird, erkennt er erst später. Aber diese Geschichte oder die Liebe Idamantes zu Ilia, der gefangenen Tochter seines Feindes, interessiert Sellars wenig. Er erzählt sie nicht. Klimawandel, Erderwärmung und Verschmutzung der Meere sind seine Themen. Das verrät allerdings nur das Programmheft. Die Inszenierung selbst bietet keinen Weg in diese akrobatischen Assoziationsräume. Die blinkenden Stelen und die bunte Militärkleidung wirken wie ein unmotivierter Aufguss früheren Inszenierungen. Riesige durchsichtige organische Gebilde dominieren die Bühne. Sie erinnern zugleich an Einzeller und griechische Amphoren und geben nur Rätsel auf. Sich ausschließlich auf die Metaebene des Subtextes zu beziehen, trägt leider keinen Opernabend.

Doch es gibt an diesem Abend eine Naturgewalt, die all diese Lücken und Fragen hinweg spült: die unbändige und höchst ansteckende, vitale Kraft Mozarts.