Dichter hochstämmiger Jungwald, entlaubt, im Hintergrund. Einsam der Herr mittleren Alters in T-Shirt an der Rampe. Er hält eine Lobrede auf Adolf Hitler. Ihm verdanke er den Arbeitsplatz. Er hat Deutschland "in allerletzter Stunde vom Abgrund zurückgerissen". Er schuf Autobahnen und die Wehrmacht. Horváth-Sätze? Im Roman verlor dessen widerständiger, doch zu Führers Geburtstag die Fahne aus dem Fenster hängender Protagonist seinen Lehrerposten. Hat er ihn von Hitler wiederbekommen? Nein, verlesen wird einer von vielen Huldigungsbriefen aus dem Volke. Der Regisseur Thomas Ostermeier und sein Dramaturg nutzen ihn als NS-Zeitgeist-Ouvertüre.

Danach darf Jörg Hartmann, in den Dortmunder ARD-"Tatorten" das fahrig-depressive Psycherl im Polizeidienst, in Horváths Roman aus 1937 wechseln. Von den sieben Mitspielern wird er rituell langsam, wie die Schauspieler im No-Theater und der Papst vor dem Segen, in einen braunen Dreiteiler gesteckt. Jetzt ist er Lehrer und Ich-Erzähler in "Jugend ohne Gott", geschrieben in Henndorf 1937, bald ein antifaschistisches Erfolgsbuch, sofort im Deutschen Reich verboten.

Macht, Liebe und Lügen

In einem Klassenzimmer wird der Geographie- und Geschichtelehrer von Hitler-Pimpfen fertiggemacht, weil er einen Jungen korrigiert: "Auch die N* sind Menschen." Fortan verfolgt ihn sein Spitzname "N*". Im Salzburger Landestheater wird politisch korrekt von "Afrikanern" gesprochen. Sie gehen noch nicht in jedes Ohr. Mit der Schulklasse rückt er zu den vorgeschriebenen österlichen Wehrsportübungen in ein Zeltlager aus. Dort verheddert er sich in die Macht- und Liebesspiele der Jungen und die eigenen Lügen. Bis es einen Toten gibt und nur mehr die Wahrheit die daran Unschuldigen retten kann. "Gott ist die Wahrheit", weiß er zuletzt. Er wagt sie auszusprechen. Die Wahrheit löst den Kriminalfall. Doch dass sie Gott ist, ist gestrichen.

Im Muster des Kriminalromans erzählt Horváth nicht nur von der nationalsozialistischen Umerziehung in Deutschland, sondern auch die Geschichte einer Bekehrung. Für Berlin, wohin die Schaubühne ihre Koproduktion mit den Festspielen übernimmt, mag die religiöse Dimension kein Gewicht haben. Doch erinnern die selbstquälerischen Fragen des Lehrers nach Gott an Horváths Blockade, nachdem er vergebens versucht hatte, sich mit der Reichsschrifttumskammer zu arrangieren (um seine Tantiemen zu retten).

Nun in Österreich im Exil musste er sich neu erfinden. Im Disput des Lehrers mit einem hochrangigen Theologen - zwangsversetzt als Pfarrer ins Dorf im Wald - über die Frage "Gottgewollter Staat oder gottgewollte staatliche Ordnung" überprüft er seine Offenheit für einen religiös fundamentierten Ständestaat nach den Ideen (auch) des Hofmannsthal-Freunds Leopold von Andrian. Liest man über Gott im Programmheft? Anna Gien, die uns Horváths kurzen Roman erklärt, wird dort empfohlen mit ihren Interessen an "Körperpolitik, feministische Theorie, Sexarbeit und den Zusammenhängen von Kunst, Kapital und Popkultur". Wenigstens im Jubiläumsjahr 2020 sollten sich die Festspiele in Verneigung vor Hofmannsthal eine "Österreichische Dramaturgie" leisten. Sie muss ja nicht reaktionär geraten.

Feine Leerlaufszenen

Wo sind wir? Ein Video zeigt fröhliche Menschen und militaristisches Spartakiade-Training in der DDR. Hitler tönt einschmeichelnd leise aus einem Lautsprecher. Sieben Darsteller teilen sich 48 Rollen, flüstern auch die innere Stimme des Lehrers ins Mikrophon, schieben Mobiliar und wechseln ständig die Kostüme. Schreit der Feldwebel zack-zack-zack "Antreten!", entwirrt sich das Gewusel. Alina Stiegler als obdachlose Diebin Eva (und Symbol für die Erbsünde) sticht heraus, ihr gönnte die Regie den großen Schrei von Leid und Wut. In der Gerichtsverhandlung holt die Inszenierung einmal richtig tief Atem. Davor und danach feine, doch auch Leerlaufszenen um Jörg Hartmann herum.

Sein scheinbar linkisches Oberkörperspiel mag am Bildschirm zum Markenzeichen erstarrt sein. "Jugend ohne Gott" braucht diesen Meister der Ängstlichkeit, Skrupulanz, vielleicht sogar den Spinner, der sich, wie ohne es zu merken, mit Obers und Eislöffel das Gesicht rasiert. Horváths und aller Vollsinnigen Ängste vor einer militarisierten und vom suggestiven neuen Massenmedium Radio gelenkten Jugend laufen wie ein Endlosband über sein hohes Gesicht mit den ratlos verspielten Augen. Das Premierenpublikum dankte ihm ausdauernd.