Nach dem Premierenwirbel um den neuen Roadmovie-"Tann-häuser" in der packenden Regie von Tobias Kratzer und mit dem enttäuschenden Dirigat von Valery Gergiev haben die Bayreuther Festspiele auf den Déjà-vu-Modus umgeschaltet, spulen die vier anderen aktuell auf dem Grünen Hügel gespielte Werke des Meisters ab. Bislang demonstrieren sie dabei musikalische Hochform.

Erst wurde der im Blau von Malerstar Neo Rauch fast verschwindende "Lohengrin" bejubelt, über den noch einmal zu reden ist, wenn Superstar Anna Netrebko einen Abstecher von Salzburg nach Bayreuth macht und dort ihr Elsa-Debüt gibt. Bejubelt wurden jetzt Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund und natürlich Christian Thielemann.

Danach: Die "Meistersinger"! Kostümopulent, unterhaltsam und politisch. Zwischen der Villa Wahnfried und einem hinreißenden Porträt von Richard & Co. Samt einer Beschwörung der Abgründe deutscher Geschichte im Schwurgerichtssaal der Nürnberger Prozesse: Barrie Koskys Inszenierung geht in ihr drittes Jahr und ist frisch und lebendig wie im ersten mit einem inspiriert und sicher führenden Philippe Jordan im Graben und mit Camilla Nylund als sich wacker schlagender neuer Eva. Die von Wiebke Lemkuhls Magdalena vokal freilich doch etwas in den Schatten gestellt wird. Und sonst mit einem eingespielten "Meistersinger"-Team, das mit so komödiantischem Feuereifer bei der Detailporträt-Sache ist, dass man sich fragt wie Kosky, das wohl hinbekommt, wenn heuer fast zeitgleich in München ("Agrippina") und Salzburg ("Orpheus in der Unterwelt") inszeniert. Natürlich heimste Klaus Florian Vogt den Applauslorbeer am Tag nach seinem bejubelten Schwanenritter auch für seine zweite Lebensrolle, den Stolzing, ein.

Augenzwinkernde Sympathie

Phänomenal ist aber vor allem Michael Volle als Vollblut-Hans Sachs. Hier wird seine Autorität obendrein durch die Doppelrolle als dichtender Schuster-Meister und als Komponist R. W. höchstselbst verstärkt. Der ganze erste Akt im Salon der Villa Wahnfried ist ein höchst vergnügliches, komödiantisches Theater vom Feinsten. Wunderbar Johannes Martin Kränzle als Beckmesser oder Günther Groissböck als Pogner. Grandios, wie Kosky hier die Entstehung der Oper herbeifantasiert, wie er mit augenzwinkernder Sympathie den genialen Egomanen Richard vorführt und zu Sachs werden lässt. Der Nürnberger Gerichtssaal bleibt gleichsam der Nachdenk-Rahmen. Dem in der Prügelfuge aus dem Rednerpult wachsenden Riesenkopf eines mit antisemitischem Furor gezeichneten Juden ist jedenfalls in der Zeit seit der letzten Vorstellung deutlich mehr prophetisches Potenzial zugewachsen.

Zu diesem Rahmen gehört auch, dass bei Kosky die (Nürnberger) Gesellschaft in ihren unveränderten historischen Kostümen beim Festwiesendurcheinander alle Plätze (Richter, Angeklagte, Zeugen) im Gerichtssaal einnimmt. Was ja allein schon eine Aussage über den Umgang mit der eigenen Geschichte ist. Dazu gehört auch, dass Hans Sachs seine Schlussansprache direkt an das Publikum richtet während von hinten ein Orchester auffährt, das flehentlich die Rolle der Kunst fürs nationale Selbstverständnis beschwört.