Ist ein Opernabend gegenwärtig, wenn die Regie versucht, in heutigen Räumen Figuren zu schaffen, die Zeitgenossen sein könnten? Und die für die Handlung entsprechende Bilder und Symbole der Gegenwart findet? Das kann lohnend sein und neue Perspektiven öffnen. Brüche mit dem Text sind meist vorprogrammiert. Oder ist es stimmiger, die Geschichte in einem historisch neutralen Setting so gut zu erarbeiten, dass der zeitlose emotionale Gehalt, die ewige moralische Botschaft sich ohne Ablenkung entfalten und in ihrer Dringlichkeit direkt in die Gegenwart sprechen können?

Regisseur Simon Stone hat sich bei Luigi Cherubinis "Médée" in Salzburg für erstere Herangehensweise entschieden. Das Resultat beeindruckt: Selten ist eine Inszenierung so gut gearbeitet, sind Bilder derart klug gewählt, stimmt die kleinste Geste jedes Statisten. Vom Brautmoden-Salon über den Strip-Klub, den Flughafen oder das Cyber-Café: Die Ausstattung (Bob Cousins und Mel Page) stimmt bis ins letzte Detail. Die Tableaus, die Stone im Großen Festspielhaus baut, sind ein präzises Gesellschaftsporträt über moralischen Verfall und Karrierismus in einer glatten Oberschicht. Kinder sind hübsches Statussymbol, man hat Meetings, Gesetze sind etwas, das sich bei Bedarf medienwirksam gegen Unschuldige einsetzen lässt.

Showdown an der Zapfsäule

Titelheldin Medea lebt darin mit ihrem Mann Jason und den beiden Söhnen in einer Villa mit Seeblick. Die Kinder spielen Geige und Computer-Spiele. Jason betrügt Medea, sie lassen sich scheiden, er will wieder heiraten. Der mächtige Brautvater versucht, Medea daran zu hindern, ihre Kinder zu sehen.

Medea rächt sich, ersticht Braut und Vater - und setzt im Showdown an der Zapfsäule schließlich sich und die Kinder im mit Benzin übergossenen Auto in Brand. Die Verzweiflungstat einer in die Enge Getriebenen. Auch dramaturgisch bietet die Inszenierung fantasievolle Lösungen. Die gesprochenen Zwischentexte wandelt Stone in Sprachnachrichten Medeas an Jason um. In diesen Botschaften ins Nichts verdichtet sich das Drama.

Mit Elena Stikhina verfügt die Produktion über eine geradezu ideale Médée. Sie spielt diese ausgegrenzte und verzweifelte junge Mutter nicht nur überzeugend, sie singt sie beeindruckend intensiv, mit fein dosierter Dramatik und bis zum Finale mit vokaler Spannkraft. Pavel Černoch als Jason kann da stimmlich nicht ganz mithalten, sein schlanker Tenor wird jedoch im Laufe des Abends souveräner. Rosa Feola ist eine lyrische Dircé, Alisa Kolosova eine wunderbar geschmeidige Néris.

Dirigent Thomas Hengelbrock ist am Pult der Wiener Philharmoniker bemüht, dieser szenischen Präzision und Dichte etwas entgegenzuhalten - mit mäßigem Erfolg. Der kompakte Klang, den er mit dem erst nach und nach zusammenfindenden Orchester formt, offenbart ein Manko von Stones Regie: Seine perfekten Bilder schälen sich nicht aus der Musik heraus, sie dominieren sie. Schon die Ouvertüre wird zur hübschen Stummfilmmusik der kunstvoll verfilmten Vorgeschichte des Paares. Kinoerlebnis pur. Immer wieder drängen sich detailreiche szenische Nebenschauplätze in den Vordergrund. Was Stone in seiner Perfektion dabei passiert: Vor lauter Fokus auf die Gegenwart schneidet er das Stück von der Kraft des Mythos ab, es speist sich nicht mehr aus dessen ewiger Quelle. Gerade das Alltägliche, das daraus entsteht, holt den Stoff aus der mythischen Überhöhung und schwächt ihn, reduziert ihn auf seine Oberfläche. Wo kommt da plötzlich das Goldene Vlies her?

Dieser Schwachpunkt macht die Produktion doppelt aktuell. Sie zeigt, was mit Opernabenden in einem visuell dominierten Zeitalter passieren kann. Sie werden zum bildgewaltigen eigenständigen Medium auf Musikbasis. Das mag der Gattung Oper zum Überleben verhelfen - auf Kosten der Musik.