Langsam bewegen sich die acht Tänzer auf das Publikum zu. Sie wiegen sich im Takt, federn mit dem Beat. Vorne angekommen, machen sie kehrt, andere Grüppchen bilden sich und bewegen sich erneut frontal nach vorne. Wie Flut und Ebbe. Mühelos, fast schwerelos, wirkt das. Dabei von innerer Spannung und großer Kraft erzählend. Mit zunehmender Variation der Musik wird auch das Bewegungsmaterial reichhaltiger. Arme, Beine und Köpfe stimmen mit ein. Aber die Struktur bleibt erhalten. Rastlos und immer noch langsam erfolgt die Bewegung Richtung Publikum. Nachdrücklich, fast provokant, wirkt das.

Für Impulstanz hat die Choreografin Amanda Piña eine Museums Version ihres Stückes "Danza y Frontera" ins Mumok verlegt. Dort findet die Performance zwischen den Exponaten der Ausstellung "Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen" statt. Der Schauplatz ist klug gewählt. Sowohl Ausstellung als auch Performance thematisieren das Zusammenkommen von verschiedenen Traditionen und Entstehen neuer Formen. Das Mumok präsentiert Arbeiten von Künstlern, die sich in den 1970er Jahren mit Kunsthandwerk, Formenvielfalt und unterschiedlichen ornamentalen Traditionen auseinandersetzten.

Verschwindende Tänze

Piña, die zu den Protagonistinnen der Freien Szene Österreichs zählt, arbeitet seit 2014 an einem Mammut-Projekt namens "Endangered Human Movements". Mittels Performances, Workshops, Installationen und Publikationen sucht und untersucht sie menschliche Bewegungspraktiken, die vom Verschwinden bedroht sind. Ein Archiv des Ephemeren. Auch "Danza y Frontera" ist Teil dieses Langzeitprojekts. Diesmal geht es um eine präkolumbianische Tanzform, die von den spanischen Missionaren verändert verwendet wurde, um die Eroberung Mexikos und die Überlegenheit des Christentums in einem Eroberungstanz darzustellen. Dieses Material wurde von dem mexikanischen Tänzer Rodrigo de la Torre aufgegriffen und in der von Drogen und Gewalt beherrschten mexikanischen Grenzstadt Matamoros als alternative Form von Selbstdarstellung im öffentlichen Raum etabliert. Bei dieser Tanzform kommen indigene Praktiken, koloniale Narrative und popkulturelle Elemente zusammen. Bereits vergangenen Sommer kollaborierten de la Torre und Piña im Rahmen von Impulstanz für ein Field Project, auch "Danza y Frontera" ist als Zusammenarbeit entstanden.

Die acht Performer wechseln, vor jedem Neuanfang in Richtung Publikum, ihre Kleidung. Tragen Jacken mit langen Bändern, klirrende Röcke, Baseball-Kappen oder Kapuzenpulli. Elemente aus Folklore oder Straßenkultur werden genau wie Nacktheit zum Kostüm. Im langsamen Vorwärtsdrängen der Performance erscheint das Übermaß an Dekoration als klare Absage an die Idee einer Ursprünglichkeit und Reinheit von kulturellen Traditionen.

Die Musik von Christian Müller schichtet simple Elemente aufeinander, alles steigert sich, die Tänzer treten mit individuellen Ausführungen der Bewegungen hervor. Dann, am Ende, verausgaben sie sich unisono für eine überwältigende Schlusssequenz.