Zuerst bannt die leere Bühne die Blicke. In die Halleiner Festspielhalle stellte Raimund Orfeo Voigt in Edeltischlerqualität eine protzige Herberge. Wie von Albert Speer für die Reichskanzlei entworfen der Empfangssaal mit rundumlaufender Bank und überhohen Fenstern. Später tun sich in synkopischer Langsamkeit Nebensäle auf, verbunden mit Stufenbrücken. Mateja Koleznik liebt das Spielen treppauf treppab. Die Regisseurin aus Slowenien überzeugte mit einem solch flachen Raumrelief für Ibsens "Wildente" in der Josefstadt. Gesundheitsgründe zwangen sie, die Festspielregie abzugeben. Der in Moskau und Wien ausgebildete Kasache Evgeny Titov sprang ein, als die Bühne im Bau war.

Er füllte sie pausenlose zwei Stunden lang mit einem Gemisch von überzeichneter Karikatur und erschreckender Lebenswahrheit, vorgeführt in wenigen strengen Soli und vielen turbulenten Buffoszenen, sogar mit slawischem Kolorit. High Life von Neureichen als Zweitages-Party in heutigen Kostümen (Meisterstücke von Andrea Schmidt-Futterer), die Sauforgien gesteigert zum Blocksbergtanz zu Techno-Hämmern und zu Groteskbildern wie von Hieronymus Bosch. Ein Schnapsleichenberg bleibt liegen aus der letzten Nacht. Und schon wieder kreisen die Flaschen und Gläser.

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Überfülle der Namen

Ein Augenfest, freilich nicht nur mit sprechtechnischen Fehlstellen. Nach starken Kürzungen braucht der Zuschauer (zu) lange, um die 15 Darsteller in ihrer russischer Namensüberfülle zu identifizieren - wer ist mit wem verwandt, verheiratet, wem was schuldig, in wen verknallt? Auf der Tribüne rätseln nicht wenige Kannitverstan. Zum Schluss verlässt im Original die Gastgeberin Warwara (Genija Rykova) ihren groben Ehemann (Primož Pirnat). Ein Heuler für jede Tragödin, doch in oder aus der Neuübersetzung von Arina Nestieva gestrichen. Ihre schöne Szene hat Warwara - 1904 die "russische Duse" Vera Kommissarschewskaja - im Duett mit Mira Partecke über Frauenleid. Zwei eng anliegende Kleider in wohldosierter Rotdifferenz sprechen mit.

Den 1904 ausgepfiffenen "Datschniki"-Szenen war in der Sowjetunion keine große Nachfrage beschieden. In den Gorki-Hagiographien immer ein Nebenwerk. Weil in den Datschen bald die sozialistische Nomenklatura die "bourgeois-materialistische Intelligenz" (Gorki über sein Bühnenpersonal) verdrängte? Empfindsamkeit, feine Manieren, gesteigerte Nervosität - das war gestern, bei Tschechows Großgrundbesitzern und adeligen Offizieren.

Der Revolutionär Gorki - er wird bald nach der Uraufführung in St. Petersburg für zwanzig Jahre ins westliche Exil gedrängt, danach von Stalin als "proletarischer Schriftsteller" mit Ehren überhäuft - macht sich über Tschechows Lieblingspersonal lustig. Über die beseelte Kulturtante, die Gedichte schreibt (Gerti Drassl), über den als Empfindsamkeitskönig geschätzten Dichter als Hausgast - hier Thomas Dannemann als salopper Literat mit sexistischen Sprüchen. Vom Gatten (Sascha Nathan) unbefriedigt, jagt die Gier eine High-Heel-Schönheit mit französischem Akzent (Dagna Litzenberger Vinet) in tollen Kapriolen sogar die Wände hoch. Den Patron, der seine Fabrik verkaufte und mit einem Sack Geld um die Liebe seines Neffen buhlt, macht Publikumsliebling Werner Schwab zum schlampigen Strotter.

Drei jungen Herren lacht das Glück verschieden. Der nutzlose Verwandte im Haus (Paul Behren) liebt chancenlos eine Ärztin (Marie-Lou Sellem), ein Student (Felix Kammerer) erfolgreich deren Tochter (Maresi Riegner). Beim Selbstmordversuch des Unglücklichsten (Marko Mandić reicht ihm die Angebetete den Revolver. Theaterblut spritzt aus dem Rücken. Alle amüsieren sich. Vielleicht zum Tode. Hinter Gorkis Sarkasmus steckte die Hoffnung, dass sich alles ändert. Hinter Evgeny Titovs Sarkasmus lauert Weltverdruss. Der das Premierenpublikum mit gemischten Gefühlen entließ.