Schiele-Motive sind wiederzuerkennen in "Stand-Alones". - © Loizenbauer
Schiele-Motive sind wiederzuerkennen in "Stand-Alones". - © Loizenbauer

Die Ausstellungsräume sind leer. Ganz leer? Nein! Acht Tänzerinnen und Tänzer belegen die acht Räume im Untergeschoss des Leopold Museums. Dort, wo üblicherweise bildende Kunst hängt, steht oder passiert, agieren bei der Uraufführung von "Stand-Alones (polyphony)" im Rahmen von Impulstanz Luke Baio, Stephanie Cumming, Dong Uk Kim, Katharina Meves, Dante Murillo, Anna Maria Nowak, Arttu Palmio und Hannah Timbrell. Ausgestattet mit portablen Lautsprechern bespielen sie die leeren, hell erleuchteten Säle mit Solo-Nummern. Geräusche, Gemurmel, Gesprächsfetzen und Gesang - was auch immer der Sound, er wird von den Tänzerinnen und Tänzern in Bewegung übersetzt. Besser gesagt: Körperlich synchronisiert.

Von Schiele inspiriert

Die akkurat gearbeitete Verbindung von Sound und Bewegung ist ein Markenzeichen der Arbeiten der österreichischen Company Liquid Loft und ihrem Choreografen Chris Haring. Die vorangegangene Produktion "Models of Reality" war Anfang des Jahres im Tanzquartier zu sehen und basierte hauptsächlich auf Alltagsgeräuschen. Für "Stand-Alones (polyphony)" wurden die Werke Egon Schieles, deren weltweit größte Sammlung sich im Leopold befindet, herangezogen. Bei diversem und reichhaltigem Audiomaterial, verdrehen sich die Tänzerinnen und Tänzer, schrauben Oberkörper gegen Unterkörper, umfassen mit hinter dem Rücken hervor gebogenen Armen ihre Gesichter. Der Wiedererkennungs-Faktor der knochigen Schiele-Körper ist gegeben.

Sigmund Freud sprach von drei Kränkungen der Menschheit. Dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist. Dass der Mensch nicht außerhalb des Tierreiches steht. Und dass, mit Freud selbst, das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist. Viele andere Kränkungen ließen sich anführen. Vielleicht auch diese: Dass wir fragmentarisch, widersprüchlich und knochig sind. Diese Kränkung hat uns wahrscheinlich Schiele beigebracht. Und ganz im Sinne dieser Kränkung brechen die acht Soli immer wieder ab, setzen mit anderem Material an anderer Stelle neu an. Hosen werden ausgezogen, durch Haare hindurch geschimpft, jemand forciert die eigene Atmung indem der Brustkorb mit den Händen gehoben und gesenkt wird, ein Lied von Hildegard Knef läuft als Playback. Rationale Subjekte schauen anders aus.

Disparate Präzision

Das Publikum kann sich während der Performance frei durch die Räume bewegen. Es ist ein verwirrendes Ereignis. Die Präzision der Körper zum Sound steht dem Collagenhaften, Disparaten des Arrangements entgegen. Da passt etwas zusammen und es passt nicht zusammen. Die Körper lassen sich wie Museumsstücke beäugen und umkreisen. Wird ein Solo unterbrochen, scheint es, als würden die Tänzerinnen und Tänzer vom Exponat-Dasein ins Lebendige wechseln, ganz pragmatisch richten sie sich für eine neue Situation ein. In diesen Zwischenmomenten ist in allen Räumen romantische Tanzmusik, wie aus einem alten Film, zu vernehmen. Ganz leise, wie eine Erinnerung, verbinden diese Klänge die acht Räume miteinander.

Am Ende synchronisieren sich die acht Tänzerinnen und Tänzer tatsächlich. Sie alle wechseln in die große Halle und vertanzen ein großes gemeinsames Tönen. Polyphonie, heißt der Abend im Untertitel, hier passiert sie in Gleichzeitigkeit. Lautstärke und Bewegungsintensität nehmen zu, die Schiele-Körper ruckeln mit weit aufgerissenen Augen. Es ist eine Vernetzung in Isolation. Und kurz bevor das Grande Finale ganz ins Sakrale aufsteigt, hört es auf. Sehr verwirrend!