Im oberösterreichischen Donautal wird jeden Sommer Alte Musik mit zeitgenössischer Musik in Beziehung gesetzt. Höhepunkt der Donaufestwochen im Strudengau ist die Aufführung einer historischen Opernrarität auf Schloss Greinburg.

Zur 25. Saison des liebevoll kuratierten Festivals wurde eine besonders facettenreich funkelnde Preziose der Opernliteratur ausgegraben: Joseph Haydns "L’incontro improvviso" ("Die unverhoffte Begegnung"). Mit diesem Dramma giocoso, uraufgeführt 1775 auf Schloss Eszterház, nimmt Haydn Mozarts "Entführung aus dem Serail" um sieben Jahre vorweg. Auch in Haydns Oper, die von musikalischen Ideen nur so strotzt, dreht sich alles um die Befreiung einer gekidnappten jungen Frau aus einem osmanischen Serail.

Aha-Momente

Haydn war nicht der Erste: "L’incontro improvviso" basiert auf dem Libretto einer Gluck-Oper, die wiederum nach einer französischen Theatervorlage geschaffen worden ist. Die "Turquerie", die "Türkenmode", war in ganz Europa eben gerade en vogue. Auch in Mode und Architektur hat man die im kollektiven Gedächtnis verankerten Eindrücke der Türkenkriege verarbeitet.

Die Aktualität des Librettos von Carl Friberth muss die schnörkellose Inszenierung von Manuela Kloibmüller nicht erst herstellen: Prinz Ali landet mit seinem Diener Osmin auf der Suche nach der entführten Prinzessin Rezia in Kairo. Dass just in dieser Stadt die geliebte Rezia mit zwei Begleiterinnen vom Sultan gefangen gehalten wird, führt zur "unverhofften Begegnung" des getrennten Paares - und zu Fluchtplänen: "Mein Herz klopft in der Brust, wenn ich an die Flucht denke", singt eine der Frauen aus dem Serail - in Haydns Musik pocht es dazu mit drängender rhythmischer Kraft. Über Land und Meer will man reisen, um "die süße Freiheit zu erlangen".

Dazu plant man die Dienste eines windigen Schleppers anzunehmen. Doch die Flucht der persischen Prinzessin und ihres Liebhabers Ali wird verraten. Der Sultan lässt Milde walten und gibt die Gefangenen frei. Der als besonders tolerant dargestellte Orient gilt hier als Argumentationshilfe für Gesellschaftskritik im Sinne der Aufklärung, wie eine begleitende Ausstellung im Stadttheater Grein darlegt.

Junge Stimmen mit unterschiedlicher Projektionskraft waren am Sonntag auf der Bühne des Renaissancehofs zu hören: Elisabeth Breuer interpretiert die zwischen lyrischer Weichheit und bissigen Koloraturen angelegte Rolle der Rezia mit stimmlichem Feuer und musikalisch ausdifferenziert. Anna Willerding ist eine kokette Sklavin Balkis, ihre Koloraturen bekommen in extremen Lagen eine gewisse Schärfe. Leicht und agil ist die Stimme von Annastina Malm (Dardane). Markus Miesenberger spielt als Osmin sein komödiantisches Talent aus und schummelt sich so (zumindest an diesem Abend) über stimmliche Unsicherheiten. Tenor Robert Bartneck stattet den Prinzen Ali mit einer überaus weichen, geschmeidigen Stimme aus, die in der Höhe aber nicht immer an Strahlkraft gewinnen kann. Michael Wagner leiht dem Sultan, der im Kostüm von Isabella Reder an einen Zuhälter erinnert, seinen dunkel gefärbten Bass. Den in allen Belangen sichersten Eindruck hinterlässt Rafael Fingerlos als Calandro mit volltönendem, wendig geführtem Bariton.

Zu den Aha-Momenten dieser Aufführung gehört, später Geschaffenes in einen musikhistorischen Kontext gesetzt zu bekommen. Mozart ist nicht vom Himmel gefallen, vieles ist bei Haydn schon angelegt: Die natürlich fließende, hochexpressive Stimmführung etwa oder charakteristische Themensetzungen wie das Schlussensemble, das gesellschaftliche Freiheit preist - einige Jahre vor der Entstehung des "Viva la libertà"-Finales aus "Don Giovanni".

Die Inszenierung von Manuela Kloibmüller deutet aktuelle Bezüge nur an, bleibt leichtfüßig, vermag dadurch aber kaum zu Tiefenschichten des Themas vorzudringen. Intendantin und Dirigentin Michi Gaigg folgt mit ihrem L’Orfeo Barockorchester den rhythmischen Finessen der Partitur. Man bringt auch in kleiner Besetzung die dynamische Kraft und motorische Energie der Musik zur Wirkung, die das dramatische Geschehen vorantreibt. Die Besucher in Grein erwartet ein erhellendes Opernerlebnis.