Zwei Wochen ist es her, da haben die Salzburger Festspiele mit ungewohnten Aussichten begonnen. Mozarts "Idomeneo" schaukelte durch ein Meer aus Plastikmüll: ein seltsamer Kurs für ein Antikendrama. Aber wer weiß, vielleicht macht derlei ja Schule in Zeiten des Klimanotstands. Der Umweltschutzgedanke ließe sich auch anderen Opern aufpfropfen, manchen sogar noch leichter.

Georg Friedrich Händels "Alcina" etwa. Zwar steht auch hier keine Ökokrise im Zentrum, sondern eine Zauberin: Ihre Kunst sichert ihr einen beständigen Nachschub an betörten Bettgenossen. Ein Anknüpfungspunkt aber, wie sich Alcina überflüssiger Gespielen entledigt: Sie verwandelt sie in Steine, Wellen oder Bäume. Moralisch fragwürdig natürlich. Ökologisch betrachtet aber ein Recycling-Verhalten im Einklang mit der Natur.

Einiges Holz ist nun jedenfalls in der Salzburger "Alcina"-Regie von Damiano Michieletto zu besichtigen: Bald prangt ein gefällter Stamm auf der Bühne im Haus für Mozart, bald schweben Wurzeln über den Köpfen, bald steht da ein Greis mit Ästen an den Schultern.

Arien wie Kippbilder

Allerdings: Die geschlägerte Natur sorgt dann doch nur für Atmosphäre. Diese "Alcina" (bereits bei den Pfingstfestspielen gezeigt) interessiert sich vor allem für das menschliche Seelenreich, zum Äußersten getrieben durch Liebe und Begierde. Wann kippt Zärtlichkeit in Verzweiflung? Wann Angst in Zorn? Michieletto veranschaulicht solche Metamorphosen enorm schauspielfreudig und kurzweilig. Dabei muss er sich keine Zusatzhandlung aus den Fingern saugen, sondern findet in den vier Opernstunden ausreichend Stoff: Da schneit anfangs Bradamante ins Zauberreich herein, auf der Suche nach ihrem Verlobten und zur Tarnung in Männerkluft unterwegs. Da verliebt sich Alcinas Schwester prompt in den "Herrn", worauf ihr Liebhaber vor Eifersucht platzt. Und da ist der gesuchte Ruggiero der Titelfigur so liebesblind verfallen, dass Bradamante förmlich gegen ein baumdickes Brett vor seinem Kopf anrennt. Ein Rankwerk aus Trieben und Begierden bildet sich allmählich in dem salonartigen Bühnenraum (Paolo Fantin), an dessen Rückseite eine Glaswand steht. Daran drücken sich von hinten Alcinas Verflossene wie Stubenfliegen, zuweilen leuchten darauf mystische Naturvideos auf.

Auch Alcina hat jedoch ihr Binkerl zu tragen. Eine Souveränin des Bösen ist sie (zumindest bei Michieletto) eher selten. Auch wenn eine Handbewegung dieser Despotin reicht, um ihre Ex-Männer herumzuwirbeln wie Herbstlaub im Wind: Diese Frau hat eine Heidenangst vor Alter und Einsamkeit, verkörpert durch ein ergrautes Alter ego. Solche Gefühlsumschwünge ereignen sich meist mitten in den Da-Capo-Arien, machen diese zu emotionalen Kippbildern. Wie verändert klingt Alcinas "Ich bin immer noch dieselbe" doch, nachdem der eifersüchtige Ruggiero mit der Tür geknallt hat! Die Beschwörung ist zum Lamento verkümmert; die davor so hoheitsvolle Cecilia Bartoli singt es mit steinerweichendem Flüsterton.

Mustergültiges Musik-Theater

Nicht nur Bartoli bewegt sich vokal und gestisch geschmeidig zwischen den Gefühlsextremen: Philippe Jaroussky bürgt als Ruggiero für libellenleichte Töne und eine fast außerirdische Inbrunst, Sandrine Piau verleiht der Morgana kesse Kontur, Kristina Hammarström glänzt als Bradamante mit gehaltvollem Mezzo, und Sheen Park intoniert den verlassenen Knaben Oberto sauber. Kurz: ein Musterbeispiel an Musik-Theater, spritzig und klangschlank begleitet von den Musiciens du Prince-Monaco unter Gianluca Capuano und zuletzt euphorisch gefeiert.