Tief fällt er, dieser Unglücksrabe, fast fürchtet man: zu tief. Eine Gummipuppe stürzt vom Schnürboden herunter, sie sieht aus wie die Hauptfigur Ödipus. Das Double ist an einem Seil befestigt, schlackert nach dem Fall ein wenig aufwärts und abwärts, senkt sich allmählich immer tiefer ab. Wird dieser Plastikmann womöglich im Orchestergraben landen, auf den Köpfen der Wiener Philharmoniker? Ein Glück - er schlägt dann doch auf dem Bühnenrand auf.

Dieser Puppen-Absturz hat ein grimmiges Timing. Der Doppelgänger fällt nämlich genau dann ins Leere, wenn sich sein Ebenbild auf dem Zenit der Selbstbestimmung wähnt. Soeben hat dieser Held Theben von einer killenden Sphinx befreit, als Lohn sind ihm die Königswürde und die Hand einer gewissen Jocaste gewiss. Ein Sieg, so scheint’s ihm, über den Orakelspruch, wonach er seinen Vater töten und die Mutter heiraten würde. Was er aber nicht ahnt: Dass diese Jocaste seine Erzeugerin ist. Heillos hängt er schon am Schicksalsfaden.

Die Sphinx - ein
Staub-Lurch mit Würfel

Wie ist das nun mit der Vorsehung? Ist sie in Stein gemeißelt? Und wenn ja: Wie schuldig macht sich derjenige, der eine blutige Lebensbahn abschreiten muss? George Enescu hat darüber in seiner einzigen, französischsprachigen Oper "Œdipe" (1936) nachgedacht, und er beendet sie mit sanftem Optimismus. Mag auf den Schultern dieser Hauptfigur auch ein gewaltiges Binkerl lasten - Schuld daran tragen allein die Götter. Nur einmal, am Ende, hat dieser Schmerzensmann des alten Griechenlands die freie Wahl, und er entscheidet richtig. Der verschlagene Créon will ihn zurück nach Theben locken - jene Stadt, aus der man ihn einst verjagte, als die Blutschande offenbar wurde und sich Œdipe aus Ekel die Augen ausstach. Eine Rückkehr lehnt er nun ab. Lieber schreitet er in einen mythischen Hain, wo ihn ein milder Tod und eine (späte) Gnade der Götter erwarten.

Achim Freyer hat diesen "Œdipe" nun in Salzburg inszeniert, und man würde seine Handschrift auch ohne Blick ins Programmheft erkennen: Die Felsenreitschule ist so recht nach dem Geschmack des Universalkünstlers zugerichtet. Da ziehen sich lange Linien über die Bühne, da zeigen sich kindliche Kritzeleien von Sternchen und Totenköpfen, da wird auch gerne Pappkrone getragen. Und da bricht sich Freyers Faible fürs Groteske Bahn: Die Kostüme erweisen sich weniger als Kleidung denn als bewohnbare Skulpturen.

Die Sphinx? Sieht aus wie ein Riesen-Staub-Lurch mit Würfel in der Hand. Die Königin Jocaste? Reckt sehnsüchtig ihre Arme im Gewand einer blauen Blume. Ihr Mann Laios? Macht den Eindruck eines Ritters, der mit der Müllabfuhr zusammengestoßen ist: Ihm hängen dunkle Beutel vom Leib. Ähnliche Objekte senken sich später vom Schnürboden herab. Sie glibbern wie Götterspeise, wenn Œdipe darauf einhaut und so stellvertretend Laios erschlägt.