Wobei: Dieser Œdipe hat Übung im Faustkampf. Freyer hat ihn als Boxer ausstaffiert. Ein Muskelkostüm panzert den Körper, eine kurze Flatterhose umhüllt den Unterleib. In dieses Beinkleid schlüpft Œdipe schon zu Beginn, wenn er eben erst zur Welt gekommen ist, als patschertes Baby. Dieses Wesen ist augenscheinlich zum Kämpfen geboren, so sehr es sich immer wieder in eine embryonale Lage zurückziehen will. Erst am Ende wird Œdipe dieses unliebsame Gewand abstreifen dürfen. Dann umspielen Regenbogenfarben den Erlösten.

Achim Freyer - Maler, Skulpturkünstler, Bühnenbilder, Regisseur - steht in seinem 86. Lebensjahr, sein Stil wirkt längst so unabänderlich wie ein göttlicher Ratschluss. Sein Ansatz ist hier aber nicht fehl am Platz. Es bekommt dem Mythos, dass ihn Freyer zwischen symbolhaftem Traumspiel und Ritual changieren lässt. Dabei bezieht er auch die Arkaden mit ein, bevölkert sie mit skulpturalen Wesen. Der Wermutstropfen des Abends bleibt allerdings ein Mangel an Interaktion: Bewegungen vollziehen sich meist bedächtig, die Kunstbekleideten wandeln isoliert, Duette geraten angesichts der Distanzen zu Ferngesprächen. Diese Bühnenweiten erzeugen auch Längen.

Ein glühender Mix der Klangsprachen

Dirigent Ingo Metzmacher erweist sich dagegen als Chefdynamiker. Er begründet schlagkräftig, warum sich "Œdipe" jahrelang an der Wiener Staatsoper (Ära Ioan Holender) halten konnte. Immer wieder begehrt das Orchester auf gegen den Willen der Götter, schreit an wider das Grauen. Enescu hat dafür mächtige Steigerungswellen geschaffen, geschöpft aus den Mitteln der rumänischen Folklore und einer ruppigen Modalität. Gleichwohl ist festzuhalten: Weite Melodiebögen besitzt dieses halbtonale Werk nicht. Und das rächt sich mitunter, wenn "Œdipe" den Tonfall der französischen Oper anschlägt, ohne den nötigen Inhalt zu besitzen. Die Wiener Philharmoniker entschädigen dafür mit der Sinnlichkeit ihres Wohlklangs.

Qualitätvoll die Besetzung, angeführt von Christopher Maltman: Sein geräumiger Bariton verleiht dem Œdipe bis zur Schlussnote mythische Männlichkeit. Klangsatt auch Michael Colvin (Laios), Brian Mulligan (Créon) sowie David Steffens (Hohepriester) neben der anrührenden Anaik Morel (Jocaste). Am Ende allgemeiner Jubel in Salzburg - auch wenn er wohl nichts am Raritäten-Schicksal dieses "Œdipe" ändert.