Nachmittagsvorstellungen haben etwas Seltsames an sich. Da sitzt man in seiner Abendkleidung im dunklen Saal - und wird zu Pausenbeginn jäh von der Sonne geblendet. Ein Lichtwechsel, wie ihn Nachtschwärmer vom Verlassen der Diskothek kennen: Da ist er plötzlich, der Tag, und will nicht so recht zur Gemütslage passen.

In Salzburg erwies sich am Mittwoch nicht nur die Beginnzeit (15 Uhr) als ungewöhnlich, sondern auch das gewählte Stück. "Orphée aux enfers" (Orpheus in der Unterwelt) ist ein Zugpferd aus dem Stall der leichten Muse. Was hat es bei dem Opernfestival par excellence verloren? Zwei Umstände haben ihm den Weg geebnet. Einerseits jährt sich der Geburtstag von Komponist Jacques Offenbach, Urvater der Operette, heuer zum 200. Mal. Andererseits hat sein "Orpheus" mehr zu bieten als plumpen Ulk. Da prickeln delikate Melodieperlen, und die Handlung wirft einen bissigen Blick auf die Gesellschaft. "Der Schein muss gewahrt bleiben!" lautet der Kernsatz dieser Mythen-Satire. Orpheus, ein eitler Geiger, rückt nur deshalb zur Wiederbelebung seiner Gattin aus, weil ihn Image-Sorgen belasten. Was würden die Fans sagen, wenn er jetzt mit seinem Gspusi zusammenzieht? Ähnliche Bedenken quälen die Götterwelt: Jupiter und Juno sind einander dort durch herzliche Abscheu verbunden. Pantscherl sollen die Langeweile, die dieses Himmelreich umweht, verscheuchen - ohne das Wissen der Normalsterblichen.

Handwerkliche Perfektion

Wer nun meint, der Salzburger "Orpheus" würde Offenbach bei seinen sozialkritischen Wurzeln packen, irrt allerdings. Regisseur Barrie Kosky legt die drei Stunden (gespielt wird eine Mischung aus den Fassungen von 1858 und 1874) als grelle, schnelle Travestie an. Statt auf die Heuchelei einer (modernen) Oberklasse abzuzielen, setzt es im Haus für Mozart: Gags, Gags, Gags.

Die werden aber mit handwerklicher Perfektion ausgespielt, mit dem Timing einer Atomuhr und blühender Fantasie. Letztere bricht sich in Luxuskostümen (Victoria Behr) und in den Bühnenbildern (Rufus Didwiszus) Bahn: Wie verspielt diese Ausstattung zwischen Paris-Nostalgie und Extravaganz schillert - die Rüschenröcke, die Fracks, die Unterwelt mit ihrem gehörnten Pluto im Orang-Utan-Pelz, den Teufels-Transvestiten mit Glitzerschwänzen (am Po) und dem Riesen-Satan auf einem flammenden Einrad -, es würde sich einen Opernpreis verdienen. Dazu gesellen sich Choreografien (Otto Pichler), die auf engem Raum doch pfiffig wirken. Vom Bienentanz zu Beginn (Herr Pluto hat sich als Imker verkleidet, um bei Eurydike zu landen) bis zum finalen Höllen-Cancan mit Nippelquaste wetzen diese Einlagen ohne Durchhänger dahin. In Summe: eine Produktion, nach der sich jedes Repertoirehaus die Finger abschlecken kann.

Dabei hebt eine Idee den Abend über gediegenes Entertainment hinaus - der Einsatz eines Universal-Sprechers. Der Schauspieler Max Hopp verkörpert nicht nur den Diener Styx, er übernimmt sämtliche Dialogtexte des Stücks und fungiert so als Sprachrohr der Darsteller, die dazu stummfilmhaft grimassieren: ein Kunstgriff, der den Abend ins Groteske überhöht.

Wobei manche Pointen schon im Humorkeller angesiedelt sind. Hopp synchronisiert auch die Schritte der Figuren (schp, schp!), ihr Schnarchen, Rülpsen, ihren Koitus. Letzteren vollzieht Pluto mit Eurydike, um ihr nicht nur einen kleinen Tod zu bescheren, sondern sie per Beckenschwung gleich seiner Unterwelt einzuverleiben.

Subtiles leisten die Wiener Philharmoniker unter Enrique Mazzola: Sie lassen Offenbachs Melodien wie quirlige, feine Bläschen aus dem Orchestergraben aufsteigen. Die Sänger erfreuen vor allem durch ihre Betriebsamkeit: Martin Winkler (Jupiter) schneidet göttliche Fratzen, Marcel Beekman gibt einen schelmischen Pluto, Joel Prieto (Orpheus) den Inbegriff eines Geiger-Gecken, Kathryn Lew (Eurydike) die fleischgewordene, spitzentonsichere Koketterie. Und Publikumsliebling Anne Sofie von Otter mimt die, vor der sie alle einknicken, nämlich die öffentliche Meinung. Zuletzt Beifall, Jubel, Getrampel: ein Bombenerfolg für die Salzburger Festspiele.