Das gab es auch noch nie: eine Schauspieluraufführung während der Bayreuther Festspiele - und noch dazu in deren Auftrag. Es gehört zur Reihe "Diskurs Bayreuth", mit der Festspielchefin Katharina Wagner seit zwei Jahren die Blickerweiterung ausschöpft, die sie im Rahmen der Stiftungssatzung hat. Für Konzerte in Wahnfried, Symposien und Auftragswerke, die einen Bezug zu Richard und seiner Rezeption haben. Das ehemalige Kino Reichshof mitten in Bayreuth ist mit seinem morbiden Charme genau der richtige Ort dafür.

Die beiden Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel nennen ihr Stück "Siegfried Ein Monolog". Es geht um den Sohn Cosimas und Richards. Den Stammhalter. Den Erben. Den Mann, der keine Chance hatte, zu sich selbst zu finden. Als Thronfolger, als Schwuler in homophoben Zeiten, als Komponist. Als Festspielleiter brachte er den Laden nach der kriegsbedingten Zwangspause ab 1914 schon zwei Jahre nach Kriegsende wieder in Gang. Er starb 1930 - noch vor der Premiere seiner "Tannhäuser"-Inszenierung am 4. August. Heuer, am 6. Juni, jährte sich sein Geburtstag zum 150. Mal. Genug Anlass, an ihn zu erinnern.

Aus dem Monolog hat der Hausregisseur des Leipziger Schauspiels Philipp Preuss handfestes Theater gemacht. Auch als Suche nach sich selbst. Mit Ausbrüchen von Verzweiflung. Ohne sich an einer Art Bühnenbiographie zu versuchen. Grundkenntnisse setzen Autoren und Regisseur wohl zu Recht voraus.

Innere Zerrissenheit

Der auf zwei pausenlose Stunden gekürzte Text konzentriert sich erst auf das Jahr 1914 und dann auf 1930. Also auf den Junggesellen, den die Kriegseuphorie erfasst hat. Und den Festspielleiter im Dunstkreis des künftigen Machthabers und seiner Ideologie. Da Preuss den innerer Monolog nach außen verdoppelt, kommt er der inneren Zerrissenheit seines Helden nahe. Bei dem sich auch Kritik am Judenhass und Nähe zu den Nazis nicht ausschließen.

Felix Axel Preißler und Felix Römer bringen den Monolog oft im Dialog, immer aber im Zweierpack auf die Bühne, wechseln mit souveräner Leichtigkeit vom jungen zum alten Siegfried, imaginieren ihn einmal mit Mutter Cosima, ein anderes Mal mit Gattin Winifred. Werfen sich das Kleid und die Perücke für die Frauen über, entblößen sich mal bis auf die Unterwäsche, suhlen sich im metaphorischen Dreck des Bühnenbodens. Dazwischen irrlichtern spielerisch Texte von Siegfried und die Originalstimmen von Winifred. Wenn die beiden am Ende unter einem Riesenballon verschwinden und Siegfried seine künftige Witwe fragt, ob sie seine Opern aufführen werde, und das Witwengespenst mit einem kurzen Nö antwortet, wird die Tragik dieses Künstlerlebens noch einmal offensichtlich.

Seine Enkelin und amtierende Festspielchefin Katharina Wagner kam zur Premierenfeier - sie war oben auf dem Grünen Hügel gefordert, weil Christian Thielemann beim "Tannhäuser" für Valery Gergiev kurzfristig einspringen musste. Der anerkennende Beifall des Premierenpublikums im Reichshof für ihren neuesten Versuch der Öffnung der Festspiele hing da noch in der Luft.