Das Schauspiel steht bei den Salzburger Festspielen im Schatten des Opernprogramms, spielt in dem auf Glamour und Starrummel abonnierten Elitefestival eher eine Nebenrolle - ausgenommen die Cash-Cow "Jedermann". Darin liegt eine gewisse Freiheit, die von Schauspiel-Intendantin Bettina Hering bislang ganz gut genutzt wurde. Nur die heurige Festspiel-Ausgabe verlief ziemlich mau.

Für die erste Schauspielpremiere verpflichtete sie Thomas Ostermeier, der Ödön von Horváths Roman "Jugend ohne Gott" auf die Bühne wuchtete. In der Hauptrolle war Jörg Hartmann zu sehen. Der Schauspieler scheint auf die Rolle des abgebrühten Einzelkämpfers abonniert zu sein. Diesen Prototyp perfektioniert er nicht nur als Dortmunder "Tatort"-Kommissar, er gab die Figuren mit den hängenden Schultern bereits mehrmals in Ostermeiers Inszenierungen an der Berliner Schaubühne und nun eben auch in Salzburg. Horváths Roman aus 1937 thematisiert die Verrohung der Jugend am Beginn des Dritten Reichs. Regisseur Ostermeier versucht, diese Zeitströmung behutsam in die Gegenwart zu lenken. Ein durchaus ehrenwertes Unternehmen, umgesetzt in bewährt-bekannter Manier, aber alles andere als ein Bühnenknüller.

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Die zweite Schauspielpremiere, Maxim Gorkis "Sommergäste", fand unter ungünstigen Bedingungen statt: Regisseur Evgeny Titov sprang kurzfristig für die erkrankte Mateja Koležnik ein. Im somnambulen Bühnenbild, erbaut für Koležniks Regiekonzept, blieben Titovs Figuren jedoch Fremdkörper, die Aufführung auf der Perner Insel blieb unausgegoren.

Einsamer Höhepunkt war Kornél Mundruczós Neudeutung von Ferenc Molnárs "Liliom". Der ungarische Regisseur interpretierte den Klassiker vom Ende her, indem er die Szene vor dem Himmelstor an den Anfang rückte. Zwischen Himmel und Erde entwirft Mundruczó eine Versuchsanordnung, um mit der Vergangenheit in einen Dialog zu treten. In Mundruczós freihändiger Adaption treffen neun Vertreter des 21. Jahrhunderts, hip und queer, auf Liliom und befragen die Elendsgestalt des 20. Jahrhunderts nach dessen Motiven. Der Coup ermöglicht eine völlig neue Sicht auf das Stück. Auch bei der Besetzung der Hauptrollen bricht Mundruczó mit der herkömmlichen "Liliom"-Rezeption: Maja Schöne spielt Lilioms große Liebe als willensstarke Frau und Jörg Pohl ist das Gegenbild zum dumpfen Proleten, als der Liliom gern dargestellt wird.

Entgleisungen

Schluss- und Tiefpunkt war indes die Uraufführung von Theresia Walsers Politgroteske "Die Empörten". In dem Stück treten zwei Regionalpolitikerinnen gegeneinander an. Ihre ideologischen Entgleisungen sollen wie ein Brennspiegel politische Abgründe der Gegenwart sichtbar machen. Ein launiger Rundumschlag, bei dem keiner verschont wird. Doch leider kommt der Text über naheliegende Pointen und augenfällige Beobachtungen nicht hinaus. Die Regie von Burkhard C. Kosminski vermag dem nichts entgegenzuhalten. Der angekündigte Schlagabtausch zwischen den beiden Schauspielerinnen findet deshalb nicht statt, weil Burg-Aktrice Caroline Peters ihre Kontrahentin Silke Bodenbender glatt an die Wand spielt.

Dem wirtschaftlichen Erfolg der Salzburger Festspiele, die am Samstag (31. August) ausklingen, tat die durchwachsene Schauspielsaison indes keinen Abbruch. Die Auslastung betrug wie in den beiden Vorjahren 97 Prozent, die Besucher kamen aus 78 Nationen, 40 davon außerhalb Europas. Bei einem Budget von 61,7 Millionen wurden 31,2 Millionen im Kartenverkauf erwirtschaftet, drei Prozent mehr als im Vorjahr. Der Eigendeckungsgrad liegt damit über 75 Prozent. An 43 Tagen (inklusive Samstag) wurden 199 Aufführungen auf die Bühnen von 16 Spielstätten gebracht.

Die Festspiele 2019 sind nunmehr Geschichte. Glückauf für 2020, in dem das 100-Jahr-Jubiläum begangen wird.