Der Autor konnte seinen späten Ruhm nur kurz genießen, er starb 1966 und wurde von der literarischen Welt schnell wieder vergessen. In den 1960er Jahren entfaltete sich zudem Thomas Bernhards Karriere: Verglichen mit dessen Provokationen wirkte Doderer bald antiquiert. Doderers mäandernder, artifizieller Schreibstil, einst hochgelobt, erschien in einem veränderten literarischen Umfeld altmodisch. Dazu wurden seine Verstrickungen in der NS-Zeit publik: Doderer war bereits 1933 der NSDAP beigetreten (auch wenn er sich später von der Nazi-Barbarei distanzierte).

Doderer, der die Auf- und Umbrüche am Beginn des 20. Jahrhunderts mit äußerster Präzision im Hochadel bis zur Unterwelt abbildete, passte am Ende dieses unseligen Jahrhunderts nicht mehr in die Zeit. Er war abgemeldet.

Geboren wurde Heimito von Doderer 1896 als jüngstes von sechs Geschwistern. Sein Vater war Ingenieur und erwirtschaftete mit Bahn- und Kanalbauten ein Vermögen. Die großbürgerliche Herkunft ist in Doderers Romanen als Echo vernehmbar, die detailliert Lebensgefühl und Gepflogenheiten der Wiener Oberschicht widergeben. Vielen Passagen wohnen autobiografische Momente inne, diverse Romanfiguren werden Doderer zugeschrieben. Die minutiös geschilderten, geradezu apokalyptischen Wutanfälle in den "Merowingern" wurden häufig mit Doderers eigenem Charakter kurzgeschlossen: der Autor als Choleriker und Lebemann Altwiener Schule.

In der "Strudlhofstiege" wiederum wurde eine gewisse Nähe Doderers zur Romanfigur René von Stangeler ausgemacht, jenem traurigen, vom Patriarchen-Vater unterdrückten Filou, einem erfolglosen Stadtforscher, der von unglückseligen Frauengeschichten gequält wird: Doderers abgründiger Umgang mit Frauen lässt grüßen! Seine spektakulär gescheiterte erste Ehe taucht in der "Strudlhofstiege" ebenso, auf wie die sadomasochistischen Neigungen des Erotomanen in "Die Dämonen" Eingang fanden.

Doderer meldete sich (wie René von Stangeler) im Ersten Weltkrieg freiwillig zum Militär, standesgemäß zu den Dragonern. 1916 geriet der Autor in russische Gefangenschaft und kehrte 1920 zurück nach Wien. Die Jahre des Freiheitsentzuges markierten den Wendepunkt: Doderer fing damals an zu schreiben und blieb seiner Profession treu, gleichviel, wie wenig erfolgreich das Unterfangen verlief. In den Zwischenkriegsjahren studierte Doderer Geschichte sowie Psychologie und beschäftigte sich mit Stadtforschung: Viel davon floss in seine Romane ein, die wie Reiseführer in untergegangene Welten gelesen werden können.

Doderer am Theater

Obwohl Romanadaptionen im Gegenwartstheater überaus beliebt sind, kam Doderer bislang so gut wie nicht zum Zug. 2009 brachten die Festspiele Reichenau im Südbahnhotel ausgewählte "Strudlhofstiegen"-Episoden heraus. Das pittoreske Hotel am Semmering erwies sich für eine an Nostalgie interessierte Lesart als idealer Spielort - Noblesse oblige. 2016 wurden schließlich "Die Dämonen" im Festspielhaus Reichenau gezeigt. Beide Bühnenfassungen erstellte der Autor und Schauspieler Nicolaus Hagg, der auch die jüngste Doderer-Text-Expedition in der Josefstadt verantwortet, Regie führt Janusz Kica. Hagg erzählt die Geschichte nun retrospektiv und blickt vom Jahr 1945 auf die Ereignisse zurück, auch die Rolle von Melzers Freund Major Laska wird neu gedeutet, insgesamt orientiert sich Hagg wie gewohnt stark an der Vorlage und folgt Doderers Sprachmelodie.

Einen anderen Weg schlug einmal das Wiener Schauspielhaus unter Intendant Andreas Beck ein. Die Bühne in der Porzellangasse, in unmittelbarer räumlicher Nähe zur Strudlhofstiege und den Wohnhäusern einiger Roman-Protagonisten, verfrachtete die Fin-de-Siècle-Dekadenz in seiner Spielzeit 2007/08 entschieden in die Gegenwart. Das Ergebnis? Eine 12-teilige Soap-Opera, die lebens- und liebeshungrig zwischen Trash und Monty-Python-Jux changierte - und in Wien geradezu Kultstatus innehatte.

Während "Die Strudlhofstiege" bereits einige Bühnenversuche hinter sich hat, werden "Die Merowinger" zum ersten Mal am Theater gezeigt. Der Autor Franzobel fertigte für das Volkstheater eine freihändige Version. Welche szenische Umsetzung Doderers Geist wohl näherkommt? Wer wird sich mehr in Familie begeben - und darin umkommen? Die Antwort demnächst auf zwei Wiener Bühnen.