Wer am Nutzen der Sozialen Medien zweifelt, dem sei ein Blick auf die Internet-Aktivitäten von Frédéric Chaslin empfohlen. Natürlich: Der Pariser, Jahrgang 1963, rührt auf Facebook und Twitter auch die Werbetrommel in eigener Sache. Opernabende, Tourneen und Festivalauftritte wollen "geliked" und kommentiert werden. Andererseits sorgen private Fotos und Videos hier für launiges Infotainment. Da stülpt sich eine Frau im Sommerkleid einen Helm über, der aussieht wie ein Fels: ein Requisit aus einer steinalten "Tristan"-Produktion, in Frankreich einst geleitet von Karl Böhm. Auch wartet da ein Video mit einer kuriosen Entdeckung auf: Klavierspielend und singend, vergleicht Chaslin die Filmmelodie von "Spiel mir das Lied vom Tod" mit der Sterbeszene des "Don Giovanni" und entdeckt in den Streicherfiguren der Oper - ha! - eine verblüffende Verwandtschaft. Dabei will Chaslin der Soundtrack-Legende Ennio Morricone keinen Ideenraub unterstellen. Vielleicht sei die Ähnlichkeit, wenige Noten lang, reiner Zufall.

"Vierhändig geschrieben"

In Wien ist Chaslin freilich nicht für derlei bekannt, sondern Altvertrautes: Seit 22 Jahren zählt der Franzose zu den taktgebenden Konstanten an der Staatsoper, hat hier mehr als 150 Repertoire-Abende geleitet. "Tosca", "Traviata", "Macbeth", viel Französisches à la "Manon" und "Werther": Chaslin ist ein Allrounder des Opernalltags. Nun ist er für "Les Contes d’Hoffmann" ("Hoffmanns Erzählungen") gebucht: Vier Aufführungen des grotesken Gruselklassikers feiern ab Donnerstag den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach. Die Staatsoper holt dafür ihre Produktion von 1993 aus dem Fundus und bestückt sie mit Dmitry Korchak als Dichter im Liebespech und Olga Peretyatko in den drei Frauenrollen.

Was hält Chaslin von der Arbeit seines Landsmanns? Ist der "Hoffmann" ein Meisterwerk - oder ein Sammelbecken mehr oder minder geglückter Szenen, die posthum mit dubioser Mischware ergänzt wurden? "Der ‚Hoffmann‘ ist zumindest vierhändig geschrieben worden", sagt Chaslin und ärgert sich über die Quellenlage. "Da wird behauptet, dieses und jenes stamme von Offenbach", man sehe dafür aber keine Beweise: Offenbach habe von seiner großen Oper nur eine "kleine Hälfte" geschrieben. Dennoch meint Chaslin, dass dies für ein Meisterwerk gereicht habe: "Es ist der Zauber dieses Stückes, dass es trotzdem Zusammenhalt hat. Was Offenbach geschrieben hat, besitzt solche Kraft, dass es durch die Beigaben nicht vergiftet wurde. Ein Mirakel."

Chaslin sagt dies nicht nur als Dirigent, sondern auch Komponist. In Wien weitgehend unbemerkt, hat er etliche Konzertstücke verfasst und auch Opern. Ein Zukunftsprojekt des Parisers nimmt sogar Bezug auf den "Hoffmann": Chaslin plant eine Opera buffa mit drei Frauengeschichten und Napoleon im Zentrum. Roberto Alagna soll an der Hauptrolle interessiert sein, die Idee hat aber noch keine konkreten Früchte getragen.

Opernarbeit für Domingo

Auszuschließen ist jedenfalls, dass dieser Napoleon ein Feldherr der spröden Töne wird. Chaslin hat seine Karriere als Assistent von Pierre Boulez begonnen, Galionsfigur der rigiden Nachkriegsmoderne, sich an dieser Ära aber kein Beispiel genommen. "Damals sollte alles radikal neu sein", sagt der 56-Jährige und konstatiert: "Diese Modernität war eine Art Diktatur." Doch das ist lange her: Das Klima habe sich zum Toleranteren verändert, die Künstler stünden nicht mehr auf Kriegsfuß mit dem Vergangenen. Chaslin begrüßt dies: Er glaubt nicht daran, dass sich eine Kunst völlig neu erfinden lässt. Vielmehr setze jedes Werk "einen weiteren Stein auf jenes Haus, das die Menschheit erbaut hat".

Diese Geisteshaltung dürfte durchaus geholfen haben, einen weiteren Weltstar für sich zu interessieren - nämlich Plácido Domingo. Seit Jahren werkt Chaslin an "Monte-Cristo", einer Oper für den spanischen Jahrhundertsänger, mittlerweile ist er im Stadium des Feinschliffs angekommen. Demnächst, hofft Chaslin, soll ein Uraufführungsort für das Stück gefunden werden, das zwischen klassischer Musik, Jazz und Pop pendle. Könnten die MeToo-Vorwürfe gegen den Opernstar (die dieser zurückwies) das Projekt noch ins Wanken bringen? Chaslin glaubt nicht: "Ich habe alles gelesen, und ich denke nicht, dass Domingo bedroht ist. Ich kenne ihn nur als sehr netten Gentleman und glaube, die Sache hat sich mittlerweile beruhigt."