Was tun, wenn 20 Minuten vor Beginn die Hauptdarstellerin stimmbedingt absagt? Für die Wiener Staatsoper fing die neue Saison mit einer Feuerprobe an: Die Protagonistin für Verdis "Traviata" war ausgefallen. Ein Glück: Tenor Charles Castronovo, der angekündigte Alfredo, war in Begleitung seiner Frau Ekaterina Siurina angereist. Die Sopranistin hat hier Anfang des Jahres schon in einer "Traviata"-Serie gesungen.

Nun erklärte sie sich kurzerhand bereit, die Rolle der Violetta anstelle der indisponierten Irina Lungu zu übernehmen, und rette die Aufführung am Mittwoch so in letzter Minute. Siurinas Stimme ist wunderbar lyrisch, strömt klar und weich zugleich. Dass sie einige Spitzentöne ausließ, ist angesichts der Umstände nicht der Rede wert. Dass ihr Bühnenpartner auch im Leben der Mann ihres Herzens ist, verleiht der Geschichte lebendige Leidenschaft.

Konfuse Klänge

Leidenschaftlich war zweifellos auch das Dirigat von Giampaolo Bisanti, der mit Expressivität und großer Geste ans Werk ging. Zusammenhalt und Einheitlichkeit konnte er so allerdings nicht erzeugen. Temposchwankungen und Abstimmungsprobleme beherrschten den ersten Teil des Abends. Thomas Hampson trat als Vater Giorgio Germont betont forsch und schroff auf. Auch stimmlich wollte sich keinerlei Schmelz einstellen. Unbeirrbarer Ruhepol auf der Bühne: Castronovo als stimmschöner Alfredo.

Nach der Pause lief es besser: Das Orchester agierte mit gewohnter Klangqualität, und der Fokus lag endlich auf Giuseppe Verdis Musik.