Wien. "Mehr Empathie wagen!" lautet das Spielzeitmotto heuer im Theater der Jugend. "Einfühlungsvermögen ist notwendiger denn je, daher war es auch der Kern für unsere Spielplanüberlegungen", erläuterte Hausherr Thomas Birkmeir bei der Spielplanpressekonferenz. Der Bogen reicht dabei vom "Großen Shakespeare-Abenteuer" bis zu "Jugend ohne Gott".

Fünf Ur- und Erstaufführungen finden sich im Programm, das am 8. Oktober mit "Prinz und Bettelknabe" nach Mark Twain im Renaissancetheater startet und insgesamt mit acht Neuproduktionen aufwartet. Bereits die erste Produktion greift das Empathie-Thema auf, da die beiden Protagonisten durch einen Rollentausch "regelrecht in die fremde Welt des jeweils anderen hineinkatapultiert werden", so Birkmeir, der betonte, dass die beiden erst in der Haut des anderen merken, wie sehr das bisherige Bild des anderen auf Falschinformationen beruht.

In der Regie von Werner Sobotka startet man im Theater im Zentrum ab 15. Oktober mit Lutz Hübners "Alles Gute" in den Herbst, im Mittelpunkt steht eine gewagte "Geburtstagsaktion": "Fast jedes vierte Kind in Wien ist armutsgefährdet", so der Intendant. "Aber der politische Aufschrei bleibt seit Jahren aus." In dem Stück treffen ein reiches und ein armes Mädchen aufeinander. "Der Kern aller Empathie ist, sich zuzuwenden und nicht abzuwenden. Empathie ist auch Erziehungssache", so Birkmeir in Überleitung zur Uraufführung von "Das magische Kind", in der Gerald Maria Bauer frei nach E.T.A. Hoffmann eine "Rettung der Fantasie" unternimmt, in der blasierte, ignorante Kinder und naturverbundene, geerdete Kinder aufeinandertreffen und versuchen müssen, anerzogene Empathielosigkeit zu überwinden.

Klassikerbefragungen

Petra Wüllenweber wiederum widmet sich Ödön von Horvaths "Jugend ohne Gott" in einer Neuinterpretation, in der sie sich "auf die gesellschaftlichen Mechanismen und menschlichen Verhaltensweisen konzentriert, die diese Geschichte unabhängig von ihrer Entstehung an jedem Ort und zu jeder Zeit möglich machen", wie es heißt. "An der Arche um Acht" treffen sich drei Pinguine in dem gleichnamigen Stück von Ulrich Hub, das Yüksel Yolcu am 13. Februar zur Premiere bringt. Birkmeir zog im Zuge der drohenden Flut Parallelen nicht nur zum Umweltaktivismus junger Menschen, sondern auch zu "Politikern, die sich rühmen, diverse Routen geschlossen zu haben".

Birkmeir selbst nimmt sich schließlich Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" vor und befragt den Klassiker mit heutigem Blick. "Können junge Menschen von heute noch Halt finden in einer übersexualisierten Welt? Wie gehen sie mit einer entsolidarisierten Gesellschaft um? Wieviel Empathie darf man sich in einer turbokapitalistischen Welt erlauben?" seien Fragen, die er sich vorgenommen habe.

Der "Krieg der Welten" nach dem Roman von H.G. Wells steht ab 21. April auf dem Programm, Regie führt wie schon bei der Eröffnungsproduktion Jethro Compton. In seiner Fassung sind es höchst unterschiedliche Jugendliche verschiedener Herkunft und Religion, die ihre Vorurteile überwinden müssen, um gemeinsam gegen den Untergang zu kämpfen. Den Saison-Abschluss bestreitet Felix Metzner, der "Das große Shakespeare-Abenteuer" von Thomas Birkmeier in Szene setzt.

Höchst erfreut zeigte man sich über die abgelaufene Saison, in der insgesamt 252.500 Besucher verzeichnet wurden, was einer Gesamtauslastung von 96,54 Prozent entspricht. Die Zahl der Abonnenten beläuft sich auf rund 40.000, 2018/19 verzeichnete man bei den Abos einen Zuwachs um neun Prozent. Birkmeir: "Und so starten wir selbstbewusst, neugierig und voller Tatendrang in die neue Saison." (apa)