Heimito von Doderers Roman "Die Strudlhofstiege" ist ein Monster. Zumindest für jemanden, der ihn in kondensierter Form auf die Bühne bringen will. Seine 900 Seiten und sein ausuferndes Personal können einen schon einmal erst in die Irre der "Tiefe der Jahre" führen und dann mit ihrer Fülle erdrücken. Im Theater in der Josefstadt ist Regisseur Janusz Kica mit Nicolaus Hagg, der die Bearbeitung verantwortet, das Wagnis wieder einmal angegangen. In dieser Fassung wird Major Melzer (hängeschultrig: Ulrich Reinthaller) vom Geist des Major Laska (Roman Schmelzer) als Stichwortgeber begleitet. Melzer blickt hier augenscheinlich nach dem Zweiten Weltkrieg auf sein Leben der falschen oder laschen Entscheidungen zurück, Pistole zur Beendigung des Elends in der Hand. Das heißt: Eigentlich will er gar nicht zurückblicken. Aber der Geist nimmt ihm die Pistole (vorerst) ab und führt ihn flugs hinein in die schmerzliche Erinnerung an all die anderen Toten.

Zugriff über den Lodenrock

Konkret in den Garten der von Stangelers am Fuße der Rax. Dort gehen sie ihren vorweltkrieglichen Lustbarkeiten nach: Editha Pastré (Silvia Meisterle, elegant changierend in einer Zwillingsrolle) und Rene von Stangeler (Martin Vischer) nützen die Zugriffsmöglichkeiten des Lodenrocks der Dame beim Bergbesteigen, Etelka von Stangeler (mit sarkastisch-brodelnder Wut: Pauline Knof) stalliert beherzt Verwandtschaft und Bekanntschaft und andere "fade Nockn" mit spitzer Zunge aus, und der Stangeler-Patriarch (Michael König) freut sich schon auf die Bahn, die er für den bevorstehenden Krieg in Bosnien bauen darf. Gleich ist es zehn Jahre später, der Oberbaurat flattert mit seinen wertlosen Kriegsanleihen, und Major Melzer hat eine Todes-Erfahrung mehr: Sein Freund Laska ist in seinen Armen verblutet. Das erzählt er seinem Schwarm Asta Stangeler (das von ist schon abgeschafft) in einem vertrauensvollen, aber vergeblichen Versuch der Verbindungsanbahnung. Weiter taumelt das Stück in den Alsergrund - den eigentlichen Schauplatz des Romans. Dort wird der Handlungsstrang Doderers aufgegriffen, in dem die Zwillinge Mimi (nicht sehr freiwillig) und Editha (schon sehr freiwillig) Pastré dem mittlerweile als Amtsrat in der Tabakregie versorgten Ex-Soldat Melzer 50.000 Rauchsorten aus dem müden Leib leiern wollen. Derweil in Budapest wird Etelka zum psychologischen Problemfall, erstickt in der Kleinbürgerlichkeit und bringt sich, nachdem sie alle anwesenden Männer noch einmal trotzig abgeschleckt hat, um. Hölzern episodenhaft taumelt - um wieder in der Sprache des Romans zu bleiben - das Stück noch in das (hier vermeintliche) Happy End am blutenden Beinstumpf der verflossenen Liebe Mary K. an den Straßenbahngleisen. Denn in der Josefstadt endet die "Strudlhofstiege" mit einem Melzer, der seine Pistole von Laska wiederbekommt und im Angesicht des Selbstmords seiner ewigen Unentschiedenheit anheimfällt.

Von einem Krieg in den anderen

Doderer beschreibt in seinem vor und nach dem Ersten Weltkrieg spielenden Roman eine untergehende Welt, seine subtilen Anspielungen auf den weiteren grausamen Verlauf der Geschichte werden im Stück ausformuliert. Dass nicht zuletzt mit dem Ersten Weltkrieg und dem Missmanagement seiner Beendigung die Saat für den Zweiten Weltkrieg gelegt wurde, dass Soldaten wie Melzer ihren Sinn nur als Befehlsausführer sehen, was einem mörderischen Regime nur zupasskam, dass Erinnern an Gräuel schmerzhaft ist - all das will dieses Stück wohl transportieren. Allein, es hat nicht so viel mit Doderer zu tun und, was mehr wiegt: Die Botschaft zerfasert in der Beliebigkeit der Bearbeitung. Zudem werden Zuseher, die den Roman nicht gelesen haben, der Handlung nur schwer folgen können, zu vieles bleibt da skizzenhaft. Schade um die Leistungen von Pauline Knof oder Martin Vischer, der die Entwicklung des kriegstraumatisierten René fassbar herausarbeitet. Sie verlieren sich in der schleppenden Regie, die im Übrigen auch dem Witz der Sprache Doderers nur wenig gerecht wird. Schade auch, weil Nicolaus Hagg bereits einmal in Reichenau, im mit seiner Patina perfekten Südbahnhotel, eine "Strudlhofstiege" auf die Beine gestellt hat, die gefeiert wurde.