Das Wiener Grätzel Rudolfgrund – Verschnitt von Alsergrund und Rudolfsheim – hat seinen Clash of Civilizations schon hinter sich: Herr Oncel (Özaydin Akbaba) drängte Frau Weber (Martina Spitzer) aus ihrem Würstelstand und lässt dort seinen Hammelfleischzylinder kreisen. Die schaut mehr nach Bandl- als nach Burenwurstkramerin aus, wie sie nun im AMS die Wartenummer zieht.

Ihr Nachfolger am Markt sucht dort Personal, denn sein Knecht (Wilhelm Iben) zeigt Begabung zum Rapper, doch kein Händchen für Arbeit. Der Zuwanderer aus der ersten Gastarbeiterwelle (Ljubiša Lupo Grujčić) braucht eine neue Pflegerin. Zwei aus der schon in Wien geborenen Generation schafften den Aufstieg nur halb: Benny (Luka Vlatković) will als Schauspieler endlich mehr spielen als orientalische Bösewichte; sein Freund Marko (Jakob Elsenwenger), Sohn des Rollstuhlfahrers, täuscht vor, mit einem Ingwer-Softdrink ein Geschäft zu machen.

Freilich ist er schon pleite. Umso deplatzierter die Allüren seiner schwangeren Freundin (Gioia Osthoff): der teuerste Kinderwagen muss her (mit ausklappbaren Engelsflügeln!). Unerschütterlich, auch wegen ihrer Leibesfülle, bleibt nur die balkanesische Putzfrau Romana, Bennys Mutter (Susanna Wiegand). Sie spaziert längs der Bühnenrampe, tunkt beiläufig ihre Finger in Staub und fixiert eine Besucherin im Parterre noble: "Schönen Schmuck haben. Eduscho gekauft?"

Sittenbild einer Parallelwelt? Ja, auch. Doch in seiner Filmkomödie "Die Migrantigen", 2017 mit dem Max-Ophüls-Publikumspreis ausgezeichnet und sein erster Spielfilm, bohrte Arman T. Riahi tiefer. Die Stadtpolitik will den Rudolfsgrund gentrifizieren, das heißt zum Vorteil der Immobilienbranche in Infrastruktur investieren. Das Fernsehen – hier der ORG, gesprochen "oarg" – hilft mit. In einer Dokuserie wird breit über Übel aller Art berichtet – Raub vor dem Bankomat, illegale Boxkämpfe im Wettsalon, Prostitution. Die Reporterin (Doris Schretzmayer) weiß: Negativbilder von Migranten bringen Quote. Bei der Jagd danach merkt sie nicht, dass ihr das nach Ruhm bzw. Kohle gierende Freundespaar Benny/Marko die willkommensten Klischees vorspielen.

Diese witzige Entlarvung medialer Manipulation stellt der griechisch stämmige Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos in den Kammerspielen nach. Manchmal bremst das medienkritische Moralisieren. So in Dialogen der TV-Düse mit ihrem Abteilungsleiter (Martin Niedermair). Wenn sich die Würsteltante vor die Live-Kamera drängt, holt der Spaß wieder auf. Ein glänzendes Ensemble ohne Fehlfarben im Klischeebild hoch zwei. Schon die Grundform zementiert das gemeine Vorurteil. Die Übertreibungskunst macht es lächerlich, kann es aber nicht tilgen.

So sehenswert wie das vitale, sprachlich farbenfrohe Powerspiel (mit einem Zuviel in einer Nuttenszene) ist das Werk der Bühnenbildnerin Ece Anisoglu. Mit Witz und logistischer Raffinesse baut sie Arbeitsamt, Markt, Warenlager, Spielhölle, Badezimmer für rasche Szenenwechsel auf – 1:1-Realität und daneben Bildschirmwirklichkeiten. Lauter Premierenjubel.