Ulrich Rasche. - © Tobias Kruse
Ulrich Rasche. - © Tobias Kruse

Mit vier Premieren und zwei Wiederaufnahmen startet der neue Burgtheater-Intendant Martin Kušej in seine erste Spielzeit.

Den Premierenreigen eröffnet Ulrich Rasche mit Euripides Tragödie "Die Bakchen". Die "Wiener Zeitung" traf den Regisseur, der mit seinen Maschinenräumen im Gegenwartstheater eine besondere Position einnimmt.

"Wiener Zeitung:"Die Bakchen" werden häufig als Krisenstück gelesen: Das öffentliche Leben erodiert, eine wilde, sektenartige Religiosität bricht in eine streng-säkulare Welt ein. Was treibt Sie zu dieser selten gespielten antiken Tragödie?

Rasches monumentale Maschinenwelten am Burgtheater. - © Burgtheater/Andreas Pohlmann
Rasches monumentale Maschinenwelten am Burgtheater. - © Burgtheater/Andreas Pohlmann

Ulrich Rasche:Mir geht es vor allem um die Auseinandersetzung zwischen den beiden Protagonisten Dionysos und Pentheus. Dionysos ist bei uns keine göttliche Gestalt, sondern weist Ähnlichkeiten mit rechtspopulistischen Politikern auf, die gegenwärtig mit lautstarken, aber fadenscheinigen Argumenten versuchen, Menschen für sich einzunehmen und, wie Dionysos im Stück, das Recht für sich beanspruchen, ohne Rücksicht darauf, ob das überhaupt zutrifft. In Euripides’ Stück formiert sich eine Bewegung, die im Stande ist, gewaltsam eine im Grunde wohlgeordnete Gesellschaft in die Knie zu zwingen - ein interessanter und brisanter Aspekt.

Wem gilt Ihre Gunst? Pentheus kommt bei Euripides auch nicht gerade gut weg.

Stimmt. Pentheus wird bei Euripides als streng rational agierender Sachverwalter dargestellt, der wenig Toleranz für das aufbringt, was sich am Berg Kithairon abspielt, er erscheint als Diktator, weil er die Staatsgewalt gegen die Bewegung in Stellung bringen will.

Wenn Dionysos in Ihrer Deutung als Rechtspopulist auftritt, wer könnte Pentheus denn heute sein?

Pentheus will das bewahren, was gut ist an der Stadt Theben. Er ist der Einzige, der der neuen Bewegung Einhalt gebieten will, und versucht, die bedrohte Ordnung zu schützen. Wir haben die Figur eigentlich aufgewertet.

Wo sehen Sie im Konflikt zwischen Dionysos und Pentheus Parallelen zur Gegenwart?

Wir leben in einer Gesellschaft, die aufgrund ihrer historischen Erfahrungen eine Verfassung erarbeitet hat, die ausnahmslos funktioniert und wir sollten alles daransetzen, diese auch zu verteidigen. Die jüngste Geschichte hat gezeigt, dass Rechtspopulisten meinen, sie können sich einfach so über die Verfassung hinwegsetzen. Jüngstes Beispiel: Der britische Premierminister Boris Johnson, der das Parlament auflöste - das sind beinahe schon diktatorische Angriffe.

Ein undemokratischer Akt, der seinesgleichen sucht, gleichzeitig aber Beweis dafür, dass das britische Parlament standhielt. Sehen Sie dennoch die Demokratie in Gefahr?