Schmächtiger Wutvulkan: Peter Fasching als Childerich III. mit seinem hündischen Diener Wänzrödl (Bernhard Dechant). - © Volkstheater
Schmächtiger Wutvulkan: Peter Fasching als Childerich III. mit seinem hündischen Diener Wänzrödl (Bernhard Dechant). - © Volkstheater

Die Watschen fliegen schon in den ersten Minuten tief bei den "Merowingern" im Volkstheater. Das ist auch richtig so, diese Tetschen braucht Childerich III., um überhaupt zur Wuttherapie des Spezialisten Dr. Horn fähig zu sein. Der Freiherr ist in Heimito von Doderers Roman "Die Merowinger" ein Stammkunde des Doktors, ist er doch von epochaler Wut geplagt.

Die Bühnenfassung, die am Mittwoch im Volkstheater die Saison eröffnete, lässt durch einen Auftritt seiner abschätzigen Ahnen erahnen, woran das liegt: Natürlich an einer schweren Kindheit. Das wiederum bringt Döblinger auf die Palme, der nicht nur von den Wutmärschen in der Hornschen Praxis über ihm erzürnt wird, sondern auch von Laschheiten wie Psychokram und politischer Korrektheit. Als Entschädigung für den Deckenkrach erhält er eine "Lärmmiete" - aber als veritablen Wutbürger hält ihn das nicht ab, den Arzt für einen Trottel zu halten.

Döblinger, ein Wutbürger (Sebastian Pass). - © Volkstheater/lupispuma
Döblinger, ein Wutbürger (Sebastian Pass). - © Volkstheater/lupispuma

Tachtelspezialisten

Franzobel hat Doderers Roman, der gleichermaßen absurde Geschichtsparaphrase, kunstvolle Verschwurbelung und zutiefst komische Zumutung ist, für das Volkstheater bearbeitet. Bei Döblinger nahm er sich die meisten Freiheiten. Während er im Roman schlafwandlerisch durch den Watschentanz gleitet, ist er hier selbst Tachtelspezialist mit Eigeninitiative. Er wird Sinnbild des Protestwählers, des Hassposters, des Fakenews-Glaubers. Er ist aber auch derjenige, der das ganze Chaos zu verantworten hat, ist er doch der Schriftsteller, der dass geschrieben hat. Das ist eine bizarre Wendung, die dem an Bizarrheit ohnehin nicht armen Stoff eine etwas zu schwere Krone aufsetzt.

Als würde es nicht reichen, dass es hier einen Adeligen gibt, dem durch Heirat allerlei familiär übergebliebener Witwen gelingt, sein eigener Großvater, Vater, Schwiegervater und Schwiegersohn zu werden. In Anna Badoras Inszenierung treten die vier verblichenen Gattinnen Childerichs als Schleiergeister auf und ergehen sich in Tiraden über seine Scheußlichkeit und sexuelle Unersättlichkeit. Jene wirklich lustige Passage, in der lakonisch die Chronik der Verehelichungen und die stammbäumlichen Folgen erzählt wird, wird verschenkt, weil Dienerzwerg Wänzrödl - hier als menschliches Hündlein interpretiert - sie schwer verständlich als Herold herausschreit.

Peter Fasching ist Childerich III. von Bartenbruch und er entspricht nicht der Vorstellung eines Wutvulkans. Keineswegs bud-spencerhaft-brodelnd ist sein Unmut, wenn er schreit, ist das eher verzweifelt denn grollend-brachial. Badora wollte wohl verschiedene Ebenen der Wut herausarbeiten - getreu dem Motto "Die Wut des Zeitalters ist tief". So wird auch der Geheimbund Hulesch & Quenzel - zuständig dafür, dass es die Menschheit einfach grundlos hunzt, damit das Leben nicht zu leicht wird - zu einem Gemeinheits-Dienstleistungsunternehmen, das Wutanfälle gewährleistet. Seine Abgesandte Schwester Helga sucht im Publikum nach Kundschaft und demonstriert nebenbei, wie schnell man aus Ärger über die Gesamtsituation etwas glaubt, das nachweislich nicht stimmt.

Diese Fußtritte in die gegenwärtige Gesellschaft sind manchmal treffsicher, manchmal stolpern sie ins Nichts. Das Schauspielensemble macht dem wüsten Treiben alle Ehre: Thomas Frank mit Fettanzug als versponnener Horn und mit schwindelerregenden Plateauschuhen als Childerichs Trampelsohn Schnippedilderich, der ihm schmerzhaft die Tücken seiner Familienstruktur aufzeigt. Sebastian Pass hat als watschendeklamierender Döblinger die Wut im Bauch. Michael Abendroth als diebisch-erfreuter Fiesheitsagent Zilek, Julia Kreusch legt ihre Schwester Helga im Politikermodus an - ihr weißer Latexrock gibt der Wuttherapie zudem eine Fetisch-Schlagseite. Bernhard Dechant hechelt brav als Wänzrödl. Und Günter Franzmeier gibt Pippin, den Geschlechterkonkurrent der Karolinger, der Childerich durch Adoptionsorganisation ermöglichen soll, auch noch sein eigener Neffe und Schwager zu werden, raffiniert schleimig und manchmal auch rappend. Die Blaskapelle in Plastikschottenröcken mischt beherzt die Exaltiertheiten auf.

Wird das Stück Doderers Roman gerecht? Dafür müssten die Tumulte tumultiger sein, müssten die Wutschäume wahnwitziger wuchern, müsste wenigstens ein Porzellanfigürchen zerschlagen werden. Die Ansätze, die Allgemeingültigkeit des Buchs und seine aktuelle Brisanz im Wutbürgertum herauszuarbeiten, zerfasern im großen Ganzen leider wie ein wüst ungegroomter Bart. Das ist aber trotzdem kurzweilig, auch weil es Franzobel gelungen ist, die Doderersche Sprache bekömmlich zu transponieren. Der Furor bleibt.