Auch da: ein Sänger im Smoking (David Kleinl). - © Ulli Koch
Auch da: ein Sänger im Smoking (David Kleinl). - © Ulli Koch

Wo ist ein Wutraum, wenn man einen braucht? Das Volkstheater hat sich einen solchen bauen lassen und damit nicht nur dem Wiener Grant ein Ventil verschafft, sondern sich selbst dazu ein paar hübsche Schlagzeilen. Die Musiktheatertage Wien besitzen derlei nicht, auch wenn sie heuer erstmals auf dem weiten Areal des WUK in Wien-Alsergrund residieren und nicht mit Zornesanreizen geizen. Das "Festival für zukunftsorientierte musikdramatische Projekte" findet dort am Donnerstag seine erste Manifestation in einer Frau mit Wallehaar, die durch den Hof stolziert und zum forschen Pumm-Pumm ihrer Ethnotrommel Parolen über die Bösartigkeit des Kapitalismus und die Freuden eines befreiten Leibes skandiert. Es scheint ihr ernst damit.

Danach singt ein Chor aus den Häuserfenstern rundum. Der Titel "Sound Cloud I." (Peter Jakober) passt: Die wiederholten Worte ringen um Verständlichkeit, besitzen aber rhythmischen Puls und bilden ein Geschwirr, das wie ein tönendes Mobile in der Luft schwebt.

Der Folgetitel ist leider arg missverständlich: Die "Opera of Time" (Jorge Sánchez-Chiong und Thomas Jelinek) hat mit Oper so wenig zu tun wie die Jazz Gitti mit Duke Ellington. Die 90 Minuten im WUK-Saal wollen die Relativität der Zeit darstellen, und zwar dergestalt, dass die Beiträger einer verquasten Nummernrevue immer wieder mit denselben Klangspenden auftreten. Im Rahmen einer "Und jetzt zu etwas völlig anderem"-Dramaturgie treten auf: eine Manga-Brüllsängerin, ein Mathematik-Fachsimpler, ein verschwendet schöner Sopran, Tögel-Schlagzeug und Wummer-Elektronik. Das Publikum steht sich die Beine in den Bauch, während zwölf Leinwände exakt irgendwas zeigen. Am Ende singt ein Smokingträger, als wäre er Depeche Mode.

Immerhin: Diese dröhnende Ödnis steht einem Festival gut zu Gesicht, das sich das Motto "Mythos Zivilisation" verordnet hat.