Leiser Trommelschlag ist zu hören, die weitläufige Bühne des Burgtheaters tiefschwarz, wenige Lichtkegel beleuchten ein gewaltiges Laufband, das steil und erstaunlich hoch in den Bühnenhimmel ragt. Den ungemütlichen Ort betritt zunächst Dionysos, der griechische Gott des Exzesses, dem vor Ewigkeiten übrigens das Theater geweiht war.

In Ulrich Rasches Burgtheater-Inszenierung der "Bakchen" verkörpert Franz Pätzold, ein neues Mitglied des Ensembles, den Hohepriester der Maßlosigkeit als lässigen Zeitgenossen, ganz in Schwarz, mit schlotternden Hosenbeinen und offenem Hemd. Pätzold absolviert seinen Dionysos-Monolog, in dem es um die prekäre Familiengeschichte geht, als eine Art Sprechgesang im Stechschritt - auf unablässig bewegendem Laufband.

Maschinenstürmer

Neuzugang Franz Pätzold als Dionysos. - © Pohlmann
Neuzugang Franz Pätzold als Dionysos. - © Pohlmann

Viel, sehr viel Bewegung wird die kommenden dreieinhalb Stunden auf der Burgtheaterbühne zu sehen sein. Untermalt wird der kunstvolle Redeschwall, dem man seiner Monotonie wegen schon bald nur mehr schwer folgen kann, von einem sechsköpfigen Orchester, das mit Minimalmusik-Variationen den Grundton der Aufführung bestimmt (Komposition: Nico van Wersch): Das Schlagwerk hält bis zum Ende nicht mehr still, die Percussion dauerklingt, wenn ein starker Arm es will: Es hämmert, wummert, schrummt.

Mit beachtlichem Formwillen und enormem Aufwand arbeiten sich Rasche und sein großes Team an der antiken Parabel ab. Der 50-jährige Regisseur nimmt mit seinen bombastischen Maschinenräumen im Gegenwartstheater eine besondere Position ein. Seine Inszenierungen sind von fast archaischer Wucht; die von ihm selbst entworfenen Bühnenbilder bestehen häufig - so wie bei Euripides’ "Bakchen" im Burgtheater - aus komplexen Laufbandarchitekturen, auf denen die Akteure in immergleichen Schrittfolgen Texte rhythmisch skandieren. Jede Art herkömmlicher Schauspielerei liegt diesem formalstrengen Theateransatz fern; ohne Firlefanz und Tändelei geht es stets um das große Ganze: bildermächtiges Theater, das an die Idee des Gesamtkunstwerks anknüpft.

v.l. Martin Schwab, Felix Rech und Hans Dieter Knebel
v.l. Martin Schwab, Felix Rech und Hans Dieter Knebel

Im Idealfall entfalten Rasches Inszenierungen eine Sogwirkung und Intensität, der man sich schwer entziehen kann. Bei den Wiener "Bakchen" gelingt dies am ehesten während der energiegeladenen Auftritte des 19-köpfigen Chors inklusive vier Sänger. Rasche hat den Chor neu gelesen: Bei Euripides geht es um die Orgien der Bakchen auf dem Berg Kithairon - Rasche dagegen formiert aus Dionysos’ Anhängern eine martialische Truppe, mit kurzen Hosen und Springstiefeln, glänzend angeführt von Ensemblemitglied Markus Meyer. Man traut der Bakchen-Brigade die Gräueltaten, von denen sie erzählen, sofort zu - und denkt unweigerlich an die Identitären-Hasstrommler.

"Die Bakchen" werden gern als Krisenstück aufgefasst: Das öffentliche Leben erodiert, wilde, sektenartige Religiosität bricht in die streng-säkulare Welt ein und zwingt diese mit roher Gewalt in die Knie. In Rasches Deutung wird aus dem Eindringling Dionysos ein Rechtspopulist und barbarischer Führer einer neuen Bewegung, der verspricht, "die Welt aus dem Mittelmaß" zu reißen. Kontrahent Pentheus (Burgtheater-Neuzugang Felix Rech) verkörpert gewissermaßen die Stimme der Vernunft, ein Vertreter der aufgeklärten Staatsmacht, der sich als Einziger der finalen Verwüstung entgegenstemmt.

Dieser Antagonismus ist bei Euripides nicht so deutlich angelegt - der antike Dramatiker bleibt wesentlich ambivalenter. Das Gros der Neuinszenierungen positioniert sich wohl auch deshalb nicht so radikal (noch in den 1960er Jahren wurde Dionysos gar als linke Erlöserfigur gesehen, siehe Richard Schechners Performance "Dionysus in 69").

Rasches beherzte Schwarz-Weiß-Malerei setzt ein klares Zeichen gegen den gegenwärtigen Rechtsruck. Der intendierte Widerstreit kommt auf der Bühne aber nicht wirklich zum Tragen. Das mag auch daran liegen, dass die Kontrahenten Pätzold und Rech einander vom Typ her, von der Körpersprache und Sprechführung her, viel zu ähnlich sind. Der Furor des Stücks, der innere Aufruhr verpufft so zuweilen. Zu Beginn und am Ende verliert die ganz auf Rhythmus angelegte Aufführung mitunter den Fokus, zerfranst in elendslange Rezitationen von Textpassagen.

Der Auftakt der ersten Spielzeit von Martin Kušej ist also getan. Auch wenn es nicht rundweg geglückt ist, mit einer Inszenierung wie "Die Bakchen" setzt der neue Burgtheater-Direktor ein deutliches Bekenntnis gegen Rechtspopulismus und für die politische Einmischung des Theaters. In Vorwahlzeiten ein überaus vielversprechender Beginn.