Es beginnt mit einem unbeholfenen Flirt, den unwilliger Gesinnte auch als Stalking empfinden könnten. Eitan verfolgt Wahida nämlich schon länger - also er verfolgt das Buch, das sie ausleiht. Oder eigentlich verfolgt dieses Buch ihn: Und er möchte nun wissen, ob das Zufall oder Schicksal ist. Eher Schicksal, denn die beiden verlieben sich - trotz der Schwierigkeiten, die ihnen drohen. Denn Eitan ist Jude, Wahida Araberin. In New York, im beatgeschwängerten Taumel stört das wenig, aber dann will Eitan Wahida seinen Eltern vorstellen. Es kommt zum Eklat, denn Vater David kann eine solche Schwiegertochter nicht akzeptieren: Sein Sohn würde zum Verschwinden des jüdischen Volks beitragen.

Naturwissenschaftler Eitan kann mit dieser "Scheißgruppenidentität" (Zitat Mutter Nora) nichts anfangen: "Unseren Genen ist unser Leben egal! Auschwitz hat unsere DNA nicht angegriffen." Die Familie trennt sich im Zorn und Eitan sammelt aus einer Eingebung die Löffeln vom Esstisch ein, um die DNA testen zu lassen. Und findet heraus, dass sein Vater nicht mit seinem Großvater verwandt ist. Das führt zu einer folgenschweren Reise Eitans und Wahidas in den Nahen Osten. In Israel will er seine Großmutter, die fernab der Restfamilie lebt, zur Rede stellen. Sie geraten in einen Anschlag, Eitan liegt im Koma und es kommt zu einer turbulenten Familienzusammenführung.

Wajdi Mouawads Stück "Vögel", mit dem am Freitag die Saison im Akademietheater eröffnet wurde, ist eine mehrschichtige Angelegenheit. Einerseits ist es ein mit raffinierten Rückblicken konstruierter Krimi, andererseits eine Fabel über die Unmöglichkeit von Frieden im Nahen Osten. Es ist aber auch eine Untersuchung von Identität - woher sie sie sich speist, aus wieviel Religion, wieviel Familie, wieviel "Volkszugehörigkeit". Sprache spielt eine wichtige Rolle in dem Stück in dem deutsch, hebräisch, arabisch und englisch überraschend organisch durcheinandertönen, nur gegen Ende übertreibt es Mouawad mit der Metaphysik in der Sprachidentität.

Mit Strenge und diskretem Wahn

Markus Scheumann spielt den Vater, den die Identitätskrise in die fatalsten Abgründe stürzt, mit Strenge und diskretem Wahn. Sabine Haupt ist als seine Frau zerrissen zwischen der Liebe zum Sohn und dem Beschützerinstinkt gegenüber ihrem Mann. Eli Gorenstein gibt den Großvater Etgar, einen Holocaust-Überlebenden mit bitterem Witz und plötzlich erwachendem Patriarchenmut. Salwa Nakkara spielt Großmutter Leah mit wuchtvoller Komik, tiefer Lust an der Gemeinheit und ans Herz gehender Schuld. Jan Bülow taumelt als Eitan durch die falschen Entscheidungen von ihm und anderen. Deleila Piaskos Wahida ist als Verstoßene überzeugender denn als vom Geruch Ramallahs magisch Betörte.

Die Regie von Itay Tiran gibt der Geschichte Dichte, das Bühnenbild von Florian Etti mit mobilen Kästen, die als Projektionsflächen für Buchstaben in der Bibliothek und für Street Art auf der Mauer in Palästina dienen, ist ideenreich. Ein wenig Straffung könnte dem über drei Stunden langen Epos gut tun. Bemängeln könnte man auch, dass die Botschaft, dass alle Menschen gleich sind, letztlich banal ist - aber andererseits: sie stimmt auch.