In der ersten Reihe möchte man nicht sitzen in der neuen Burgtheater-Aufführung von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". In Martin Kušejs Inszenierung, die er vom Münchner Residenztheaer mitgenommen hat und die am Samstag in Wien Premiere feierte, fliegen nicht nur die Gemeinheiten, sondern auch die Gläser und Flaschen tief. Das berüchtigt whisky- und cognactriefende Stück von Edward Albee - nicht zuletzt durch die Interpretation der begnadeten Real-Life-Trinker Richard Burton und Elizabeth Taylor bekannt gemacht - wird hier über einem Scherbenmeer inszeniert. Das ist natürlich eine treffliche Analogie zur zerschmetterten Ehe von Martha und George, die zumindest in schillernden Scherben liegt. Genauso beiläufig, wie sie ihm sagt, dass seine gesamte Existenz sie ankotzt - danke gleichfalls, so beiläufig landet wieder ein Glas im Zwischenstock (Bühne: Jessica Rockstroh). Halbvoll, halb leer, das macht in dieser Beziehungshölle wirklich keinen Unterschied mehr.

Abgesehen von dieser Symbolik ist die Optik der Inszenierung reichlich minimalistisch. Wie Filmtitel werden in riesigen Lettern die Namen der drei Akte ("Fun and Games", "Walpurgisnacht", "Exorcism") in grellen Farben eingeblendet, zwischen den Szenen gibt es Schwarzblenden. Die Rückkehr zum Spiel brennt auf der Netzhaut, so gleißend weiß ist der Hintergrund, vor dem Martha und George mitten in der Nacht ihre Gäste zu einer denkwürdigen Gesellschaft laden. Die sind nur arglos der Meinung, sie würden sich ein bisschen beim Uni-Dekan einschleimen über seine Tochter Martha. Nicht im Traum würden sie auf die Idee kommen, dass Martha und George ein Spiel spielen. Gewonnen hat, wer den anderen emotional am nachhaltigsten vernichtet. Dass es dabei auch Kollateralschäden geben kann, das merken der biedere Biologe Nick und seine piepsige Frau Honey spätestens bei der zum Spaß gezückten Waffe, und letztlich am Abgrund ihres eigenen Lügengebäudes namens Ehe.

Fies lasziv

Scharfzüngige Beleidigungen schießen wie Pfeile durch das Stück. Bibiana Beglau ist in Kušejs Inszenierung als Martha eine Wucht. Die Sprunghaftigkeit, die Widersprüchlichkeit, den Wahn dieser Figur bringt sie mit einer mühelosen Trockenheit und einer fiesen Komik auf den Punkt. Sarkasmus und Ironie, Laszivität als Drohung, existenzielle Trauer - das alles dreht sich bei ihr in einem Wimpernschlag. Im Flirt mit Nick (ein williges, weil initiativloses Spielzeug in den Händen der Gastgeber: Johannes Zirner), den Kušej explizit und in herzlich unsexy Unterhosen nicht bei Andeutungen belässt, lässt Beglau ihre Martha fast schon zu selbstbewusst dominant erscheinen. Um im nächsten Moment schutzlos nackt die Hinrichtung ihrer Lebensillusion hinzunehmen. Norman Hacker ist ihr ein würdiger Gegenspieler, sein Weg von einem Partner mit Hoffnung auf ein letztes Quantum Anstand zum zermürbten Henker der Wahnträume seiner Frau ist so böse unterhaltsam wie beunruhigend naheliegend. Nora Buzalka bemüht sich als Honey redlich, neben den zwei Schauspielberserkern Beglau und Hacker nicht unterzugehen.

Martin Kušej unterstreicht mit präziser Ausleuchtung und dosiertem Wagnis die ewige Allgemeingültigkeit von hohlen Beziehungen - ein böser Genuss.