Ein Abend wie ein Perpetuum mobile: Szenenapplaus, Lachen, betretenes Schweigen. Nochmals von vorne. Zum Finale gibt es dann durchwegs eindrucksvollen Schlussapplaus, der im Haus am Währinger Gürtel lang nachklingen möge. Mit John Kanders und Fred Ebbs Meisterwerk "Cabaret" hat eines der vorbildlichen Beispiele des Genres Musical in all seiner Tiefgründigkeit und zeitloser Gesellschaftskritik den Weg auf die Bühne der Volksoper gefunden. Bei "Cabaret" denkt man an den Fosse-Filmklassiker von 1972 mit Liza Minnelli und Michael York in den Hauptrollen: Berlin 1930, Weimarer Dekadenz, hochkommender Nationalsozialismus. Und genau für diese Verfilmung bildete Christopher Isherwoods autobiografisch inspiriertes "Goodbye to Berlin" von 1939 das Vorbild - doch zuerst kam die Musicalfassung. 1966 an den Broadway, 2019 an die Volksoper.

"Regierungen kommen. Regierungen gehen. Ich schäle uns eine Orange." Volksoperndirektor Robert Meyer hatte in der Rolle des jüdischen Gemüsehändlers Herr Schultz die Lacher auf seiner Seite. Und damit war ehrlicherweise die einzige Chance des Abends für eine gegenwartsbezogene Interpretation vertan. Doch das sollte dem lebendigen Musiktheater keinesfalls Abbruch tun.

Knickerbocker und Glitzerfrack

Die Inszenierung, dank Regisseur Gil Mehmert in der hauptstädtischen Zwischenkriegszeit bleibend, erweckte lieber im opulenten Bühnenbild von Heike Meixner (ebenso zeittypische Kostüme von Falk Bauer, Licht: Michael Grundner) den Berliner Vulkantanz vor der Machtergreifung Hitlers in aller plakativer Deutlichkeit in Knickerbockern, glitzernden Fräcken und umrahmt von Hakenkreuzen zum Leben. Kabarett, Privatpension und Gemüsehandlung teilten sich die großen Drehbühnenaufbauten. Auf der Bühne dominierte unter den Riesenlettern "Berlin" der Conférencier die Szene: Ruth Brauer-Kvam lieh dem Moderator des skurril-pluralistischen Teils des Abends ihre helle, vollmundige Stimme. Und machte schon mit dem hysterisch leichtlebigen "Welcome"-Song auf die Intention des Werks aufmerksam. Hier ging es getreu der Vorlage um nicht mehr und nicht weniger als Leben, Liebe, Hoffnung, Respekt - sprich Menschlichkeit.

Szenenwechsel in die Vollpension: Dagmar Hellberg lieh mit warmem Timbre dem ältlichen Fräulein Schneider, der Vermieterin, ihre Stimme. Im Gefolge der Wirtschaftskrise blieb die Mehrzimmerwohnung mit dem kleinbürgerlichen Anstrich ein letzter Rückzugsort für die vielen, mehr oder weniger unglücklichen Menschen. Etwa für Sally Bowles von Bettina Mönch (in Physiognomie und Gestik an das filmische Vorbild gemahnend), die mit lasziven Hits wie "Mein Herr" Publikum und den Mitbewohner gleichsam fesselte. Mit dem Clifford Bradshaw von Hausdebütant Jörn-Felix Alt stand Sally ein souveräner Gegenpart zur Seite, der in all seiner Unbedarftheit enorme Bühnenpräsenz bewies. Doch das beherzte Agieren sollte die Beziehung mit der Lebefrau bekanntlich nicht retten. Die Realität holte auch an diesem Abend alle Tagträumer ein.

Etwa da draußen, auf der Straße - im Laden des jüdisch-deutschen Obsthändlers Schultz (eben Meyer), sollte sie unerbittlich zuschlagen. Gerade noch feierten die Menschen gemeinsam das Leben, späte Verlobung, ein bisschen Glück. Doch dann kamen Angst, Gewalt, Einschüchterung. Das Trennende siegte über das Gemeinsame, der Schritt in den Wahnsinn wurde immer offenbarer (schauderhaft guter Nazifreund Ernst: Peter Lesiak).

Der Besucher Bradshaw verließ Berlin also wieder, was blieb, waren die Nazis, die Juden, die Menschen, die Kit Kat Boys & Girls: Dirigent Lorenz C. Aichner spornte das Volksopernensemble zu Höchstleistungen an und verlieh der großen Partitur voller Schwung eine Kraft, die jedenfalls unterhielt und zum Nachdenken anregen sollte.