Es begann mit den August-Streiks 1980. Damals streikten nach einer Preiserhöhung der Fleischprodukte Arbeiter und Arbeiterinnen in polnischen Industriestädten. Eine Protestbewegung entstand, aus der die Gewerkschaft Solidarność hervorging. Im Jahr darauf wurde wieder demonstriert. Frauen und ihre Kinder standen nun auf der Straße, allen voran Arbeiterinnen aus polnischen Spinnereien. Die einzige fast rein weibliche Industrie Polens. Hungermärsche wurden die Demonstrationen damals genannt. "Wir haben genug davon, hungrig zu sein!" - "Wir haben genug davon, Schlange zu stehen!", stand auf den Transparenten.

"Wie Männer in anderen Branchen, arbeiteten auch die Spinnerinnen drei Schichten in Akkord, verdienten aber weniger. Dazu kam, dass viele von ihnen Familien hatten und den Haushalt führten, Kinder umsorgten und einkauften. Das bedeutete nach der Arbeit noch stundenlang Schlange stehen", erzählt Agnieszka Salamon. Die in Polen geborene Agnieszka Salamon lebt heute als Schauspielerin und Regisseurin in Wien. "Denkt man in Polen an diese Proteste, denkt man an starke Männer. Die Frauen werden als diejenigen gezeigt, die zu Hause sitzen und Essen für die streikenden Männer zubereiten. Tatsache ist aber, dass sich Frauen in dem Moment, in dem sie anfingen zu arbeiten, auch für ihre Rechte und ihre Meinung eintraten." Egal wo und wann, Frauen sind in der Widerstandsgeschichte nur einzeln zu finden, ihre Kämpfe geraten schnell in Vergessenheit.

Frauensolidarität

Mit ihrer Doku-Performance "Die Spinnerinnen" will Salamon nun im Rahmen der Wien-Woche (noch bis 22. September) weiblichen Widerstand sichtbar machen. Das Stück basiert auf den kulturwissenschaftlichen und historischen Dokumenten aus Marta Madejskas "Die Allee der Spinnerinnen".

Um den Bogen vom 19. ins 21. Jahrhundert zu schlagen, sind auch Aktivistinnen eingeladen, die gegen die derzeitige, oftmals frauenfeindliche Politik in Polen kämpfen. Agata Kobylinska verknüpft etwa in ihrer Biografie die Geschichte mit der Gegenwart: Ihre 79-jährige Großmutter arbeitete in einer Spinnerei, unterstützte 1981 die Hungermärsche, nun engagiert sich die Enkelin im polnischen Frauenkongress. "Nach wie vor kämpfen Frauen am Arbeitsmarkt, wenn es um gleiche Bezahlung und ein gesundes Arbeitsumfeld geht. Weibliche Vertreterinnen in den Branchen Medien, Sport und Wissenschaft gibt es kaum und in puncto Abtreibungsrecht geht die polnische Regierung viele Schritte rückwärts", so Kobylinska. Seit dem sogenannten "Schwarzen Protest" im Oktober 2016 zeige sich aber auch eine neue Solidarität zwischen Frauen, so Kobylinska weiter: "Frauen sind sich ihrer Rechte bewusster, immer mehr engagieren sich und zeigen ihre Entschlossenheit. Es ist erneut die Zeit der Frauen in Polen."