Ein achteckiger Turm mit Türen neben- und übereinander füllt die Bühne des Landestheaters in St. Pölten. Er beginnt zu rotieren. Wie im Suchlauf durch einen endlosen Korridor gleiten die Büropforten an den Augen vorbei. Bürokratie in Reinkultur, Tommy Garvie konstruierte sie so geometrisch ordentlich wie Bienenwaben. Mit systemisch verbauten Menschen. Das Amt ist ihnen wie eine zweite Haut übergezogen, die Kostüme von Johanna Lakner so kantig wie Aktenschränke. Und abnehmbar, ja verlierbar. In dem Augenblick, als er als Posten- und Reiche-Braut-Jäger entlarvt ist, versinkt Tobias Artner im Bühnenboden wie Don Giovanni auf Höllenfahrt. Übrig bleibt nur sein grauer Uniformthorax.

Ein wirklicher Spaß, wie der brave Unterbeamte La Roche diesem bösen Überbeamten Selicour hier das Haxl stellt, ihn zu Fall bringt. Redliche Warnungen halfen nicht. Zu tief hat sich Selicour in die Ohren seines Ministers (René Dumont) eingeschleimt. La Roche ist mit einer Dragonerin mit Donnerstimme besetzt. Als böser Kobold kämpft die herrlich leidenschaftliche und dabei so spröde Heike Kretschmer den Intriganten mit Tücke nieder.

Was noch heute als immergrüne, doch schematisch-seichte Satire auf Beamte seine verlässliche Wirkung tut, war viel politischer gemeint. Napoleon hat noch kein politisches Amt, als Louis-Benoît Picard 1797 in Paris die neuen republikanischen Karrieristen in den Ämtern auf die Bühne zerrt. 1803 befiehlt der Herzog von Weimar seinen Hoftheatermachern Goethe und Schiller, mehr lustige Stücke zu bringen. Schiller, soeben mit "Wallenstein", "Maria Stuart" und "Die Jungfrau von Orleans" in höchste Höhen aufgestiegen, übersetzt rasch Picards "Médiocre et rampant" (Armselig und kriecherisch) mit dem im 20. Jahrhundert belasteten Titelwort "Parasit". Nur ein honigsüßes Liebesgedicht ist Schiller pur. Man kann das Lustspiel auch als Sottise auf die Quislinge unter den deutschen Fürsten lesen, die sich Napoleon unterwarfen und das Reich deutscher Nation zerstörten. Schiller und Goethe wussten: Herzog Carl August zog gegen die Franzosen in den Krieg!

Antiidyllischer Hammer

oben: Petra Strasser, René Dumont, Tobias Artner, stehend: Emilia Ruperte. - © Alexi Pelekano
oben: Petra Strasser, René Dumont, Tobias Artner, stehend: Emilia Ruperte. - © Alexi Pelekano

Ein buntes Team wurde für diese Koproduktion St. Pölten - Klagenfurt zusammengeholt. Der Regisseur Fabian Alder, der tobend aufklärende La Roche Heike Kretschmer und das verzagte Intrigenopfer Tobias Voigt (Firmin) studierten in der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch". In dieser Kaderschmiede blieb nach der Wende viel sozialistischer Geist hängen. In St. Pölten und ab 9. Jänner in Klagenfurt grüßt mit dem "Parasiten" in brechtscher Lehrstückmanier die alte DDR. "Der Schein regiert die Welt - und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne." Mit dieser Unfrohbotschaft endet das Original. Das Alder-Team hängt die Belehrungsmoral von der Geschicht’ als Nachspiel dran mit einer Kakophonie von Politslogans linker (Klassenkampf) und rechter (Neoliberalismus) Observanz sowie individualistischer Selbstentblößungen nach dem Muster "Ich war schon in der Parteijugend".

Ein antiidyllischer Hammer: Statt mit dem Bräutigam finale Glückseligkeit zu mimen, nimmt Emilia Rupperti (Charlotte) Dominic Marcus Singer (Karl Firmin) am Boden unverständlich schreiend in den Schwitzkasten. Völker, höret die Signale! Nur der Umsturz befreit euch von den "Parasiten".