"Es muss noch viel passieren", Regisseurin Anne Lenk über Gleichberechtigung am Theater. - © Kim Keibel
"Es muss noch viel passieren", Regisseurin Anne Lenk über Gleichberechtigung am Theater. - © Kim Keibel

Wenn das kein Grund zum Feiern ist: Die Oppositionspolitikerin Janet ist nach langen politischen Grabenkämpfen zur Gesundheitsministerin ernannt worden. Janet lädt ihre besten Freunde zu sich und gibt eine Party, soweit die Ausgangslage von Sally Potters Film "The Party" (2017). Auf dem Fest überschlagen sich die Ereignisse, Enthüllungen treten einander auf die Fersen, am Ende des 70-minütigen Spielfilms ist nichts mehr so, wie es war - nicht nur eine Terrassentür geht zu Bruch, auch Liebschaften, langjährige Freundschaften und politische Überzeugungen liegen in Scherben.

Fremdgehen mit 70

"The Party", ausschließlich in schwarz-weiß und in hochkarätiger Besetzung (Bruno Ganz!) gedreht, wurde von der britischen Filmemacherin erst nachträglich zum Theaterstück verarbeitet; am Samstag, 21. September, gelangt die kammerspielartige Komödie am Burgtheater zur deutschsprachigen Erstaufführung. Anne Lenk inszeniert das Stück mit Dörte Lyssewski und Peter Simonischek in den Hauptrollen.

Die 41-Jährige gehört zu der Riege neuer Regisseure, die Burg-Intendant Martin Kušej in seiner ersten Spielzeit in Wien vorstellt. Am Münchner Residenztheater, Kušejs voriger Wirkungsstätte, gehörte Lenk zur Kernmannschaft, sie inszenierte quer durch die Dramenliteratur von Grillparzers "Das goldene Vlies" bis zu Franz Xaver Kroetz‘ Missbrauchsdrama "Du hast gewackelt".

Um Well-made-plays, wie Potters "The Party", habe sie bislang einen "Bogen gemacht", sagt Lenk im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Wieso eigentlich? "Beim Inszenieren solcher Stücke geht es hauptsächlich darum, eine gewisse Mechanik zu bedienen, damit der Text funktioniert. Das fühlt sich nicht unbedingt künstlerisch an." Warum sie für "The Party" nun eine Ausnahme macht, liegt vor allem an der ungewohnten Figurenkonstellation: "Die Personen sind im linksintellektuellen Akademikermilieu angesiedelt, was vermutlich deckungsgleich mit vielen Theaterbesuchern ist. Es macht einfach Spaß, gerade im Bereich der Komödie, sich im eigenen Revier umzutreiben", so Lenk. "Die Figuren kennen einander zum Teil schon 30, 40 Jahre lang, haben fast ihr ganzes Leben miteinander verbracht, das verleiht dem Text eine gewisse Tiefe. Außerdem bedeutet das Thema Fremdgehen mit Anfang 70 etwas ganz anderes als mit 30. Das finde ich spannend an Sally Potters ‚The Party‘: Dass vieles zwischen den Zeilen gesagt wird und Lebensfragen auf unkonventionelle Weise gestellt werden."

Lenk, aufgewachsen in Schleswig-Holstein, lebt heute in Berlin und kam über das Schulspiel zum Theater. Nach dem Studium in Gießen und München fand sie in Augsburg ihr erstes Engagement. Von der Provinzbühne wechselte sie bald an die großen Häuser in München, Hamburg, Berlin und jetzt erstmals Wien.

Klassiker stemmen

"Ich habe viel Glück gehabt", resümiert Lenk ihre bisherige Laufbahn und äußert sich kritisch über den Arbeitsplatz Theater: "Die Arbeitsbedingungen sind auf deutschsprachigen Bühnen noch längst nicht gleichberechtigt, manche Bühnen nehmen es in Angriff, vieles verändert sich gerade, aber insgesamt muss noch viel passieren." Innerhalb der Branche wird vielerorts darüber diskutiert, wie Regisseurinnen sichtbarer werden. Das Berliner Theatertreffen ließ etwa mit einer Frauenquote von 50 Prozent bei den ausgewählten Inszenierungen aufhorchen. "So eine Vorgabe von außen ist leider notwendig, weil sich sonst nichts ändert", meint Lenk und fährt fort: "Aufwändige Produktionen mit großer Besetzung werden viel häufiger von Männern inszeniert, Frauen überlässt man eher Uraufführungen, Komödien oder Kammerspiele. Aber wenn man immer nur kleine Formate inszeniert, wird man auf Dauer anders rezipiert, als wenn man große Klassiker stemmt. Es geht dabei schon auch darum, im Job ernst genommen zu werden."

Wie ernst Lenk selbst die Sache nimmt, davon kann man sich ab Samstag im Burgtheater überzeugen.