Wer des Tschechischen mächtig ist, erblickt auf der Bühne zumindest einen Hinweis auf die beginnende Oper. "Pozor!", auf Deutsch also: "Achtung!", prangt in Großbuchstaben an der Wand. Es stünde der Nixe Rusalka gut an, diesen Hinweis zu beachten. Doch sie stürzt sich in ein Liebes-Himmelfahrtskommando und verliert am Ende nicht nur ihren begehrten Prinzen aus der Menschenwelt, sondern auch ihr Heimatrecht im Zauberreich. Antonín Dvořák, erfolgsverwöhnt als Symphoniker, gelang mit der "Rusalka" 1901 endlich der nachhaltige Erfolg auf dem Operngebiet. Das lag nicht nur an einem atmosphärischen Libretto von Jaroslav Kvapil. Es war auch das Verdienst einer Musik, die zwei widersprüchliche Reize zu einem charismatischen Ganzen verbindet: Schwelgerische Naturschönheit bricht sich hier ebenso Bahn wie eine gnadenlose Grausamkeit.

Irgendwas mit Freud

Regisseurin Amélie Niermeyer versucht im Theater an der Wien jedoch nicht, diese eigentümliche Duftnote freizulegen. Sie pfropft dem Märchen lieber etwas auf und inszeniert es als Seelenschau in die Psyche einer rastlosen, jungen Frau von heute. Ein Ansatz, für den man "Rusalka" schon gründlich missverstehen muss - denn die Titelfigur wird allein von Liebe und Güte getrieben. Niermeyer hat aber immerhin Bühnenbildner Christian Schmidt im Boot, der Erfahrung im psychologischen Fach besitzt: Im Laufe der Jahre hat er etliche Bauten für Regisseur Claus Guth gezimmert.

Diese Vergangenheit sieht man der "Rusalka"-Szenerie allerdings deutlich an. Die Einheitsbühne mit der Treppe, dem schmalen Obergeschoß und dem hereinwuchernden Grün: ein entfernter Verwandter von Guths Salzburger "Così". Nur wirkt der Abkömmling deutlich inhomogener. Und kälter: Die Wände sind mit sterilen Fliesen bedeckt, im Zentrum prangt ein Hallenbad. Dvořáks Wassermann hat es sich hier mit einer Stehlampe und einer Couch häuslich eingerichtet, vor ihm ein Pool mit köcheltiefem Wasser.

Seicht gerät dann auch das Bühnentreiben. So bewegungsfreudig die Sänger hier plitsch-platschen: Es bleibt bein patscherten Versuch, Intensität übers Knie zu brechen. Das beginnt mit einer Rusalka, die während des sehnsüchtigen "Lieds an den Mond" grantig Grünzeug ausrupft, es setzt sich fort mit einer seltsamen Menschwerdung: Die Zauberin Ježibaba, grotesk aufgebrezelt zu einer Sexy-Hexy (Kostüme: Kirsten Dephoff), verwandelt die Nixe durch einen Beckenstoß in deren Leibesmitte in einen Menschen. Mit derlei werde an Freuds "Traumdeutung" angeknüpft, behauptet das Programmheft in wolkigen Worten. Hier wird aber weniger gedeutet als wirr geträumt. Wenn sich später ein Luster ins Hallenbad absenkt, stürmt ein Hofstaat in Kostümen herein, die vom "Tanz der Vampire" geborgt scheinen. Zwei, drei Bilder erzeugen dann zwar Spannung. Dennoch wirkt diese "Rusalka" wie eine verunstaltete Badeanstalt.

Und die Musik plätschert meist dahin. Hut ab zwar vor Günther Groissböck, der als Wassermann wieder einmal seinen markanten Prachtbass beweist. Chapeau für Maria Bengtsson, eine vor allem feenhaft-verletzliche Verliebte. Respekt auch für den Schönberg-Chor und Rusalkas Nebenbuhlerin, die fremde Fürstin, die Kate Aldrich herrisch intoniert. Jedoch: Ladislav Elgr, als Prinz gebucht, entstößt sich in hoher Lage fortwährend Problemtöne. Dasselbe gilt für die Ježibaba von Natascha Petrinsk. Ihr herbes Timbre macht allein im Brustregister einen imposanten Eindruck.

Das Radio-Symphonieorchester Wien, geleitet von David Afkham, kämpft unterdessen mit Konzentrationsschwächen: Immer wieder wackeln die Einsätze, trübt sich die Intonation der Blech- und Holzbläser ein. Insgesamt ein Saisonfehlstart, doch mit einem glimpflichen Ende: Dünner Gießkannen-Applaus für alle Beteiligten und lediglich zwei, drei Buhrufe für die Regie.