Es waren die 80er und denen war ja nichts Bizarres fremd. Schulterpolster, Neonfarben, Modern Talking, ja warum dann nicht auch ein Musical, in dem als Katzen verkleidete Menschen tanzen und singen. Andrew Lloyd Webber dachte, das wäre eine gute Idee - war es offenbar auch. Lange war "Cats" das meistgespielte Musical am Broadway, in Wien kam es auf über 2000 Vorstellungen. Nun ist die Erfolgsproduktion zurückgekehrt, am Freitag feierte sie Premiere im Ronacher.

Und da hat sich nicht viel verändert seit den 80ern, weil, warum sollte es auch. Das Bühnenbild ist immer noch ein opulent bestückter Mistplatz. Immer noch schleichen die Katzen durch den Zuschauerraum, immer noch strahlt ein falscher Mond übers Geschehen. Und immer noch denkt man sich zu Beginn, wie schräg, diese hautengen Overalls mit dem angenähten Schwanz - und vergisst seltsamerweise nach zwei Liedern, dass man das gerade noch schräg gefunden hat. Denn diese Lieder sind natürlich Gassenhauer und Ohrwürmer, die trefflich drüber hinwegtäuschen, dass die Handlung ein ziemlicher Schmiaufu ist. Schließlich ist es nur eine dürftig dramaturgisch verbundene revueartige Spielfassung von T.S. Eliots Gedichtband "Old Possum’s Book of Practical Cat", in dem er Katzentypen beschreibt: Von der Hauskatze Jenny Fleckenreich, die den Mäusen eher stricken beibringt, als sie zu jagen, über Skimbleshanks, den Kater, der für Ordnung im Nachtzug sorgt, bis zum umtriebigen Gangster Macavity, der im Musical eine schummrige Film-noir-inspirierte Nummer bekommt.

Aus dem spielfreudigen Ensemble der Wiener Produktion sticht besonders Rum Tum Tugger Dominik Hees hervor, der seinem Rock’n’Roll-Kater eine Prise Mick Jagger mit Witz verleiht. Felix Martin ist wandlungsfähig als Theaterkatze Gus: als gebrechlicher Alter, der zurückblickt auf seine "Karriere" und als kraftvoller Entertainer, der im buchstäblichen Sinn in seine Vergangenheit springt. Hannah Kenna Thomas als weiße Katze Victoria ist biegsamer als so mancher echte Stubentiger. Mit Stephen Martin Allan als swarovskibestickter Zauberkatze Mr. Mistoffelees bekommt der zweite Akt noch eine hübsche Zirkusdynamik. Rory Six als Katzen-Hohepriester Alt-Deuteronimus ist eine knuffige Mischung aus Yeti und Sarastro. Ana Milva Gomes spielt die gealterte Glamourkatze Grizabella und legt in ihre "Memory"-Darbietung viel Schmerz und so manche Träne.

Am Ende darf die geschmähte Grizabella die größte Ehre erfahren, sie darf in den rätselhaften "Sphärischen Raum" und wird wiedergeboren. Dafür fährt sie mit Alt-Deuteronimus auf einem Reifen in den Himmel, die Beleuchtung lässt sie quecksilbern glänzen. Die Produktion ist nicht zuletzt mit solchen Lichtspielen, die auch den Zuschauerraum einbeziehen, darauf angelegt, dass die Show in eine Art Emotions-Vergnügungspark mit Orchestermusik (flott geleitet von Carsten Paap) gleitet. Die bewährte und meistens eindrucksvoll ausgeführte Choreografie von Gillian Lynne schließlich komplettiert den Eindruck: für Musicalfans ein Muss-Event. Zuhause stellt man dann fest, dass die eigene Katze nicht annähernd so viel Talent zum Stepptanz hat. Dafür sitzt bei ihr aber auch jeder anklagende Ton.