Graz. Wer die Stadt kennt, weiß: Während die Blätter langsam absterben, erwacht Graz zum Leben. Denn nach dem Sommer kommt der Steirische Herbst und damit jenes Festival, das sich als ältestes Festival für zeitgenössische Kunst in Europa brüsten darf.

Die Vernetzung der Künste ist hier seit jeher Programm, der Fokus liegt jedoch auch dieses Jahr wieder vor allem auf der Performancekunst. Unter dem Titel "Grand Hotel Abyss", den man vom ungarischen Philosophen Georg Lukács entlehnt hat, der damit die Untergangsstimmung der 30er Jahre beschrieb, schreitet man hier zur Tat und bewegt sich dabei stets im Spannungsfeld zwischen Genuss und Abgrund. Schon am Eröffnungsabend bekommt man ein Gefühl für die Richtung, in die es dann auch an den weiteren Tagen gehen soll. Genuss, Genuss, Genuss und ein wenig Gesellschaftskritik. Der Auftakt bietet eine Eröffnungszeremonie zwischen Hassrede und Operngesang, im anschließenden Hauptakt im Grazer Congress laufen Ausschnitte aus bekannten Filmen, wo Wackelpuddings verzehrt und Finger in Apfelkuchen getaucht werden. Im Raum daneben rekeln sich Bodybuilder in rot-goldener Ganzkörperbemalung auf ebenso roter Bühne, posieren mit bunten Tonkrügen und bieten dabei ideales Anschauungsmaterial für angehende Medizinstudenten auf der Suche nach Muskelsträngen.

Einen Stock darunter darf man zwischen drei Kabinen wählen, und damit zwischen Schauspielern, die einem darin Textpassagen entweder aus dem "Talisman", "Faust I" oder "Heldenplatz" ins Gesicht schleudern: intim und ein wenig gruselig, ein kleines Highlight. Der launige Vortrag von Gernot Wieland "Past, Present, Present, Past" erklärt, was Kafka, Wale und Pudding miteinander zu tun haben und beleuchtet dabei die österreichische Seele, im Erdgeschoß kann man Mozartkugeln nachempfundene, doch preislich aufgewertete (Thomas-)Bernhard-Kugeln um 50,50 Euro erstehen.

Apokalyptische Stimmung

Der Intendantin Ekaterina Degot gelingt der Spagat zwischen dem Nihilistischen und Hedonistischen, auch wenn manches gar durchschaubar wirkt. Doch wenn man mit Kellnern zu tun hat, die sich ebenfalls als Performer herausstellen und beim Griff nach dem Thunfischbrötchen durch pointierte Kommentare verstören ("Wollen Sie das wirklich essen?"), wähnt man sich tatsächlich auf einem Schiff mit Menschen, die sich in ihrer Gehaltlosigkeit selbst feiern und voller Vorfreude auf den Abgrund zusteuern.

Dennoch könnte man sich noch etwas mehr trauen. Degot selbst war davon ausgegangen, mit der Installation im Stadtpark in eine altbekannte österreichische Wunde zu stochern und damit Empörung zu verursachen. "Ö du Opfer" steht da groß auf dem zum pinken Obelisken umgebauten Befreiungsdenkmal, das inzwischen tatsächlich schon jemand mit einer Liebesbekundung an Österreich übermalt hat. Dennoch erscheint auch dieses Werk angesichts der derzeitigen apokalyptischen Grundstimmung etwas brav. Wunderbar hingegen die Videoreihe "Progressive Touch" von Michael Portnoy in der Helmut List Halle, die Sexualität als Tanz inszeniert.

Wurde das Festival in früheren Jahren noch mit dem Wort "Skandal" assoziiert, so erscheint es heuer eher gezähmt. Trotz der Thematik "Genuss und Abgrund" präsentieren sich die einzelnen Performances in sanftem Licht. Es mag Degots nobler Zurückhaltung geschuldet sein, dennoch: Provokation müsste mehr leisten. Und sie war selten so gefragt wie heute.