Ein Überlebenstanz: Isabella Knöll und Lukas Watzl im Wiener Volkstheater. - © www.lupispuma.com
Ein Überlebenstanz: Isabella Knöll und Lukas Watzl im Wiener Volkstheater. - © www.lupispuma.com

Am Ende liegt eine Frau in rotem Kostüm am Boden. Der Gnadenschuss aus dem Revolver erlöste sie aus allen Schlamasseln. Zottelige Furien lecken gierig die Theaterblutlache auf. So endet im Volkstheater ein dramaturgischer Eigenbau nach dem Romanerstling "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" des Amerikaners Horace McCoy aus dem Jahr 1935.

Der Film von Sydney Pollack mit Jane Fonda machte ein die Nöte und Hoffnungen ausbeutendes Eventmodell weltbekannt: Paare tanzten in der Weltwirtschaftskrise tagelang um einen Geldpreis; wer dem Stress am längsten standhielt, sollte gewinnen. So deutliche Bilder fand seinerzeit nur Brecht für das System, das die Ärmsten in den Konkurrenzkampf gegeneinander zwingt und Solidarität verhindert.

Unter Milo Lolićs Regiepeitsche hasten jedoch fünf Paare treppauf treppab durch das Theaterhaus, wechseln ohn’ Unterlass die Kostüme aus den 30er bis 90er Jahren sonder Zahl. So wird die Bühne Tanzboden, Garderobe, Schlafsaal. Und auch Bühne auf der Bühne für eine bizarre Abschiedsvorstellung: Darin rittern die Schauspielerinnen und Schauspieler - so kündigen es die Showmaster Evi Kehrstephan und Jan Thümer (im Tuntendress) an - gegeneinander um Gunst beim Publikum. Der Überlebenskampf der Arbeitslosen in der Weltwirtschaftskrise ist nun umgefärbt zum Klagelied von Künstlern und Kunstmanagern über den Konkurrenzdruck ihres Metiers. Zynischer kann sich ein Theaterbetrieb wohl nicht wichtig machen.

Selbstbespiegelung

Immerhin versagte sich die um tagesaktuelle Adaptionen nie verlegene Direktorin Anna Badora die Peinlichkeit, Flüchtlingspaare um ein Bleiberecht wetttanzen zu lassen. Doch auch diesen Künstler-Agon versemmeln Dramaturgie und Regie.

Sie bieten eine rührselige Selbstbespiegelung der 1889 eröffneten Kunstanstalt Volkstheater im Schulfunkformat. Mit knappen Szenen aus Stücken mit besonderer Bedeutung in der Geschichte des Hauses, begleitet von Referaten über Publikumserregungen, Nazi-Regiment samt Hitler-Zimmer, über Brecht-Boykott, mit Würdigungen von Leon Epp bis Emmy Werner und der Gretchenfrage Dialekt versus Hochdeutsch.

Seit der Gründung des "Deutschen Volkstheaters" seien 39.000 Vorstellungen gelaufen. "Samurai" von Mirko Jelusich sei 1942 zur Ertüchtigung der SS aufgeführt worden. Und Paula Wessely habe 1947 ihr Entnazifizierungsdebüt im Volkstheater in Brechts "Gutem Menschen von Sezuan" gegeben (die Chronik der Josefstadt verzeichnet Wessely in der Doppelrolle der Shen Te/Shui Ta schon 1946). Gut gemeinte Geschichtsnachhilfe in Spielfilmlänge, alles Heikle nur beiläufig gestreift und nur Spezialisten verständlich, und garniert mit Anspielungen auf den laufenden Wahlkampf. Es wirkt, als schwebte darüber auch das gekränkte Ego der Direktorin. Ein Theater zum Ende hin, zum Zusperren.

Restlverwertung

McCoy rückt ein junges Paar, Robert und Gloria, in den Fokus. Milo Lolić verliert es aus den Augen. Er folgt dem Stolz auf die Hausgeschichte wie einem Rettungsseil. Stellt erst die Choreografin (Jasmin Avisssar in Domina-Pose allgegenwärtig) die oft im Negligé wie Hendln herumlaufende Truppe ruhig, wird vorgezeigt wie in der Schauspielakademie.

Ein "Sehr gut" für Günther Wiederschwinger und Steffi Krautz als Proleten in Schnitzlers "Reigen" und Stefan Suske als NS-belasteter Gerichtspräsident in Bernhards "Vor dem Ruhestand", ein "Ordentlich" für Birgit Stöger als Marianne und Sebastian Klein als Alfred in den "Geschichten aus dem Wiener Wald", für Lukas Watzl und Isabella Knöll in "Change" von Wolfgang Bauer, für Katharina Klar als Shaws "Heilige Johanna" und in Jelineks "Krankheit oder Moderne Frauen" und für Claudia Sabitzer als "Mutter Courage".

Ein großes Volkstheater grüßt aus fernen Tagen. Spätestens mit dem Ende der Restlverwertung beginnt die Hoffnung auf einen Neubeginn.