Grimmig maskiert: Jeffrey Hartman als Prophet. - © Winkler
Grimmig maskiert: Jeffrey Hartman als Prophet. - © Winkler

In Giacomo Meyerbeers Oper "Le prophète", zur Saisoneröffnung produziert im Linzer Musiktheater, fuchteln von der ersten Szene weg andauernd zwielichtige Gestalten mit Pistolen herum. Unter Waffenscheinpflicht sollte man aber auch Holzhacken stellen, auch Seile, Schießpulver und sogar Giftgas.

Herzhaft jedenfalls geht es dort zu, wo die Wiedertäufer umgehen und für vermeintliche Rechte des geknechteten Volkes eintreten. In der Inszenierung von Alexander von Pfeil sind die drei Sprecher dieser wüsten Sekte Galgenvögel im Wortsinn. Es wird gehenkt nach Kräften. Was ihnen und ihrer - in heutiger Diktion würde man sagen: populistischen - Agitation noch abgeht, ist ein lauterer Mensch, eine herzeigbare Symbol- und Autoritätsfigur.

Le Prophète findet sich in der Gestalt des Gastwirts Jean, der die Bildfläche eigentlich nur deshalb betreten hat, um die Braut Berthe abzuholen. Klappt nicht, denn deren Grundherr (wir sind im 16. Jahrhundert) hat seine Blicke mit Wollust auf die junge Dame gerichtet. Jean ist rasch bereit, in der Führungsetage der Wiedertäufer einzusteigen und einen Rachefeldzug gegen "die da oben" anzuführen. Das Hackebeil ist sein Szepter, der weiße Mantel mit Hermelinkragen ein Symbol des Machtrausches. Auf der Strecke bleiben Braut Berthe und die Mutter Fidès: Liebe und Verwandtschaft haben keinen Platz im Leben eines erfolgreichen Demagogen.

Musiziert mit Luft nach oben

"Le prophète", 1849 für Paris geschrieben, ist eine jener Opern, die bis ins mittlere 20. Jahrhundert hinein zum Kanon der romantischen Oper zählten. Seither fristet der "Prophet" ein mehr als bescheidenes Bühnendasein. Das müsste so nicht sein, denn es finden sich in der Partitur, ist man einmal über die Marsch-knatternde Ouvertüre und den eindimensional knallenden ersten Akt drüber, hochromantische Genreszenen und nicht wenig Ironie. Diese wäre genauer Blicke wert. Markus Poschner am Pult des Brucknerorchesters setzt weniger aufs Analytische, Hintergründige. Er lässt das Orchester in guten Momenten tänzeln, in schlechteren preschen. Was die Genauigkeit im Instrumentalen anlangt, wäre Luft nach oben.

"Le prophète" will gesungen sein: Jeffrey Hartman in der Titelrolle ist ein Tenor, zu dem einem nach der Premiere eigentlich nur das Wort "brauchbar" einfällt - und das ist entschieden zu wenig. Katherine Lerner (Fidès) ist in dem eher mediokren sängerischen Umfeld die Einzige, die sich wirklich emanzipieren kann.

Die Szene: ein Wimmelbild im Halbdunkel. All die Underdogs, die sich von den Wiedertäufern zum Aufstand, zur Gewalt verführen lassen, sind in einer kreisrunden Fabrikhalle zusammengerottet. Heutige Menschen, das Handy ist ein Kommunikationsmittel, zumindest bei den Anführern. Die Wiedertäufer und ihr Prophet veranstalten zuletzt viel pseudo-liturgisches Brimborium, die Frauen in weißen Kleidern geben die Staffage ab. Chor und Komparserie sind hinlänglich beschäftigt, die große Bühne will angefüllt sein mit Menschen und Untaten.

Ballettmusiken, aber kein Ballett: Statt dessen werden Texte projiziert, aus denen man ein wenig über die Wiedertäufer erfährt. Lehrreicher Lesestoff zu sinnlichen Tönen! Letztlich erklärt sich die Geschichte auch im wenig definierten Umfeld. Dass der in die Prophetenrolle gedrängte Jean de Leyde (übrigens eine historische Figur) durchknallt und am falschen Eigen-Bild zerbricht, daran haben die beiden von ihm verleugneten Frauen wesentlichen Anteil: Die menschliche Vergangenheit holt einen Populisten, der seiner Rolle bei Weitem nicht gewachsen ist, ein. Aber zu spät.