Ein Stammgast in Österreich ist sie bisher nicht geworden. 2012 tauchte Irina Brook erstmals auf dem hiesigen Kultur-Radar auf: Auf Einladung der Salzburger Festspiele inszenierte sie Ibsens "Peer Gynt". Drei Jahre vergingen, dann stattete sie der Hauptstadt einen ersten Arbeitsbesuch ab, stellte Donizettis "Don Pasquale" als poppige Komödie auf die Bühne der Wiener Staatsoper. Nun, weitere vier Jahre später, inszeniert sie am gleichen Haus "A Midsummer Night’s Dream", als Eröffnungspremiere der neuen Saison.

"Die eigene Haut retten"

Shakespeare-Botschafterin: die französisch-englische Regisseurin Irina Brook. - © lle Simon
Shakespeare-Botschafterin: die französisch-englische Regisseurin Irina Brook. - © lle Simon

Die geringe Österreich-Präsenz ist freilich kein Beweis für mangelnde Relevanz. In England und Frankreich besitzt Brook einen klingenden Namen. Nicht nur, weil sie das Kind von Regie-Legende Peter Brook ist. Die Theatermacherin, nördlich und südlich des Ärmelkanals aufgewachsen, hat in beiden Ländern mit modernen Produktionen reüssiert, hat ihre eigenen Kompanien gegründet, fand Aufnahme in die französische Ehrenlegion - und wurde mit einem Direktorenposten geadelt: Ab 2014 leitete sie das Nationaltheater Nizza. Eine zwiespältige Ehre: Brook gab den Posten heuer, noch vor dem Vertragsende, ab - und begründete es mit der Notwendigkeit, die "eigene Haut zu retten".

Warum dies? Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt sie sich: "Manche Künstler können gleichzeitig hervorragende Direktoren und Regisseure sein, aber für mich geht das nicht zusammen. Ich fühlte mich allmählich ausgetrocknet und fortgezogen von den Möglichkeiten künstlerischer Kreativität." Mit ihrem Kernziel, den Franzosen Shakespeare schmackhaft zu machen, sei sie aber nicht gescheitert. Das habe zumindest bei der Jugend gefruchtet, meint Brook. Braucht der englische Dichterfürst in Frankreich wirklich solche Nachhilfe? Hat er eine "evangelisierende Shakespearianerin" nötig, wie sich Brook augenzwinkernd nennt? Unbedingt, sagt sie: "Unter allen Nationen stehen die Franzosen Shakespeare am fernsten." Schlechte Übersetzungen und öde Produktionen hätten in Frankreich das Bild eines "elitären, langweiligen Autors" verbreitet - also hat Brook an der Côte d’Azur alljährlich ein Shakespeare-Festival abgehalten. Diese Anstrengungen hätten zwar nicht "Berge versetzt, aber diese zumindest ein wenig bewegt".

In Wien kann die Regisseurin nun wieder ihrem Gott Shakespeare huldigen, inszeniert sie doch Benjamin Brittens Vertonung von "A Midsummer Night’s Dream". Die Komödie ist ihr seit Kindestagen vertraut: Groß geworden mit einer Regiearbeit ihres Vaters, fuhr Irina Brook mit dem "Sommernachtstraum" später selbst Erfolge ein, tourte mit einer Fassung für sechs Männer durch Europa und Kanada. Warum die Frauenlosigkeit? "Auch Shakespeare hatte nur Männer auf der Bühne." Und: "Dadurch wirkt die wilde Körperlichkeit dieses Stück nicht so brutal, sondern komisch."

"Ich singe Britten-Melodien"

An der Staatsoper sind solche Scharaden freilich unmöglich, gilt es doch, Benjamin Brittens Sängerbesetzung Folge zu leisten. Wie sieht dieser neue "Sommernachtstraum" (ab 2. Oktober mit Simone Young am Dirigentenpult) aus? Zeitgenössisch wie Brooks bisherige Arbeiten? Mit dem Begriff ist sie nicht glücklich: "Ich bin sehr klassisch in meinem Denken, ich erzähle Geschichten linear und werktreu." Mit ihrem Faible für heutige Kostüme gilt sie unter Konservativen gleichwohl als "modern". "Ich sitze zwischen den Stühlen", sagt Brook, findet das Thema Ausstattung aber insgesamt überbewertet: "In der Opernwelt entscheidet das Setting, wie du wahrgenommen wirst - als Traditionsbrecher oder als Konservativer. Aber das ist oberflächlich." Den "Sommernachtstraum" wird sie in einer waldigen Ruine ansiedeln und die vier Liebhaber in Internatskleidung auftreten lassen, sich im Kern aber um die psychologische Kontur der Figuren bemühen.

Und wie geht es ihr mit der modernen, wenn auch nicht avantgardistischen Musik aus dem Jahr 1960? "Sie wirkte zwar beim ersten Mal etwas schwierig auf mich, aber schon nach ein paar Tagen war ich völlig begeistert. Wenn ich vom Proben heimkomme, singe ich diese Melodien in der Nacht." Seltsam übrigens im Vergleich: "Als ich eine Oper von Donizetti inszeniert habe, konnte ich mich deutlich schlechter an die Musik erinnern."