Goethes "Faust" gehört zu den berühmtesten Dramen des Welttheaters, geflügelte Worte vom "armen Tor", bis zu des "Pudels Kern" fanden Eingang in die Alltagssprache. Jede Zeit, so heißt es, bekommt den Faust, den sie verdient. Am Burgtheater wird in der Inszenierung von Intendant Martin Kušej aus dem deutschen Geistesmenschen nun der Prototyp des "alten weißen Mannes".

Vieles spricht für diese Interpretation: Im ersten Teil der Tragödie schändet Faust Gretchen und lässt sie sitzen, im zweiten Teil vergeht er sich an der ganzen Welt, hinterlässt auf seiner Reise durch Raum und Zeit eine Spur der Verwüstung und Enttäuschung.

Burg-Heimkehrer Werner Wölbern verhilft diesem ambivalenten Feindbild auf der Bühne zu entsprechend widersprüchlichen Auftritten: Wölberns Faust changiert zwischen Überheblichkeit und Verzweiflung, er trägt ein blütenweißes Hemd und ist ein von allen guten Geistern verlassener Mensch in einer gottlosen Welt. Bühnenbildner Aleksandar Denić hat für diese Endzeitstimmung eine passend-düstere Drehbühne entworfen, ein verwinkeltes mehrstöckiges Industrieareal, mit Stiegenaufgängen, einem Kran und containerartigen Kammern - ein Ort, an dem Crystal-Meth-süchtige Prostituierte auf den Strich gehen, Drogengeschäfte abgewickelt werden, abgefuckte Partys und wüste Faustkämpfe stattfinden, die an David Finchers "Fight Club" erinnern. Regisseur Kušej siedelt seinen "Faust" im Hinterhof, im Darkroom des Turbokapitalismus an.

Himmelfahrtskommando

Als Mephisto tritt Bibiana Beglau in Aktion, sie zeigt sich bei ihrem Burg-Debüt am Höhepunkt ihrer Kunst: Beglaus hypernervöses Spiel zieht einen unweigerlich in Bann. Wie sie fortwährend die Kostüme wechselt, vom Hosenanzug zum Cocktailkleid, von High Heels zu barfuß, so verändert sich auch ihr hochartifizieller Spielstil, an dem man sich nicht sattsehen kann. Beglau ist das Epizentrum der dreistündigen Aufführung. Der erotisch aufgeladene Zweikampf zwischen Mephisto und Faust, das Match Beglau und Wölbern, gehört wohl zu den herausragenden schauspielerischen Momenten, die man derzeit auf Wiener Bühnen erleben kann. Bemerkenswert ist auch Andrea Wenzls kraftvolle Darstellung des Gretchens, sie vermag die Fallhöhe ihrer Figur glaubwürdig darzustellen.

Um diese erstklassigen Theaterkräfte irrlichtert das übrige Ensemble und verliert sich ein wenig in der gepflegten Schattenwelt. Martin Kušejs "Faust" ist eine Übernahme aus dem Münchner Residenztheater. Die Inszenierung stammt aus dem 2014 und hat in den elegischen Massenszenen doch etwas Staub angesetzt. Mit Pyrotechnik, Stroboskop-Effekten und forciert-finsterem Soundteppich von Bert Wrede wirkt die Moll-Grundstimmung mitunter etwas zu beflissen. Nach wie vor faszinierend ist allerdings die Strichfassung von Autor Albert Ostermaier und Dramaturgin Angela Obst. Die beiden haben Teil eins der Tragödie und einige Versatzstücke aus dem selten gespielten zweiten Teil zu einem schlüssigen Ganzen verwoben. Das "Vorspiel" oder der "Prolog im Himmel" wurden ganz gestrichen, Schlüsselmomente wie der "Osterspaziergang" wurden völlig neu entworfen, "Walpurgisnacht" und "Auerbachs Keller" gehen fließend ineinander über, statt ausufernder Monologe gibt es rasche Szenenwechsel, auf Chronologie wird gepfiffen. Was bleibt, ist ein wüstes Himmelfahrtskommando für einen modernen Faust.