Die Bühne im Volx/Margareten, eine Nebenspielstätte des Volkstheaters im fünften Bezirk, ist kahl und kalt, ganz in Beige gehalten, einzig ein rotes Rohrsystem schlängelt sich durchs Bühnenbild von Helene Payrhuber und Sophia Profanter. Die öde Szenerie stellt ein Altenheim dar.

An diesem nüchternen Ort richtet sich Abby zu Beginn häuslich ein, sie trägt überdimensionierte Kopfhörer und hört ein Lied von Leonard Cohen. Abby ist das, was man auf Wienerisch einen "Grantscherm" nennen würde, Volkstheater-Bezirke-Leiterin Doris Weiner verkörpert diese Paraderolle mit Verve.

Bisher hat Abby es geschafft sämtliche Mitbewohnerinnen aus ihrem Zweibettzimmer rauszuekeln. Nun hat sie in der neuen Bettnachbarin Marylin (Erika Mottl) aber eine würdige Kontrahentin gefunden. Marylin ist den ruppigen Umgangston aus ihrem Eheleben gewohnt. Ihr verstorbener Gatte wurde von seinen Enkeln nur Grob-Pa gerufen. Abbys Bosheiten treiben Marilyn also keineswegs in die Flucht, sondern lassen sie vielmehr rührselig in Erinnerungen schwelgen.

Das ist die Ausgangslage von David Lindsay-Abaires Stück "Die Reißleine", das nun im Rahmen der Volkstheater-Bezirke-Reihe Premiere feierte. Die beiden schließen eine Wette ab: Marilyn will der knallharten Abby das Fürchten zu lehren, während diese im Gegenzug versuchen wird, ihre fröhliche Mitbewohnerin zur Weißglut zu treiben. Wer Emotion zeigt, verliert und muss das Zimmer räumen. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, die Aktionen reichen vom fingierten Raubüberfall bis zum Fallschirmsprung.

Mit Spielfreude

Das Well-made-Play des Pulitzerpreisträgers, von dem bereits "Mittelschichtsblues" in den Bezirken auf Tournee ging, changiert stilsicher zwischen Komik und Tragik. Eine Pointe jagt die nächste, dazwischen werden auch ernste Themen aufgeworfen: Einsamkeit und Verbitterung im Alter, familiäre Konflikte, Drogensucht. Als Zuschauer stolpert man von einem Extrem ins nächste, auch fallen einige gepfefferte Flüche, gepaart mit nicht unbedingt subtilen sexuellen Anspielungen.

Der Herkunft des Autors entsprechend, ist das Stück voller US-amerikanischer Bezüge und nimmt Maß an Hollywood-Streifen. Lindsay-Abaires ist nämlich auch als Drehbuchautor bekannt, sein Buch "Entfernte Stimmen" brachte ihm sogar eine Oscarnominierung ein. Lob verdient jedenfalls die Inszenierung von Anna Marboe. Wie bunte Vögel schwirren die Schauspieler über die nüchterne Bühnenlandschaft, gewandet in Knall- und Neonfarben im Stile der 1980er Jahre, und haben sichtlich Spaß dabei.

Die Spielfreude des Ensembles überträgt sich auch aufs Publikum. "Die Reißleine" kommt in Marboes kurzweiliger Inszenierung überraschend hip daher, entfaltet im Lauf der Handlung durchaus Unterhaltungswert und ist alles andere als eine verstaubte Seniorenheimklamotte.