Bei vielen Hamlets, die man so sieht, ist man geneigt, die Frage nach dem Sein oder Nichtsein klar negativ zu beantworten: Nicht sein! Sterben! Schlafen! Natürlich leidet dieser Depressive mit Familientrauma - Onkel tötete Vater und heiratete Mutter. Dem ist nicht zu helfen, also wird bei Shakespeare allmählich sein sicherer Untergang abgewickelt, wobei er alle anderen mit in den langsamen Tod zieht, der Rest ist Schweigen.

Nicht in St. Pölten. Hier geht es Schlag auf Schlag, und Tim Breyvogel ist als Hamlet zwar vielleicht todessehnsüchtig, aber doch ein Mann der Tat. Das Stück ist hier sein persönlicher Albtraum, und im Traum muss nicht jedes ohnehin vorhersehbare Handlungselement umständlich erklärt werden. Es passiert einfach, in klaren, starken Bildern, wie man sie gerne auch im Theater sieht. Unter einer riesigen Krone dreht sich ungeduldig die Bühne (Max Lindner), die in vier unterschiedlich große Segmente unterteilt ist: ein schwarzes, ein goldenes, ein blaues und eines aus rotem Samt. Darüber huscht Hamlet wie das schlechte Gewissen des dänischen Königshofs, dessen Angehörige noch den Dresscode der jüngsten Begräbnis-/Hochzeitsfeierlichkeiten befolgen (Kostüme: Cedric Mpaka).

Niederösterreichs Landestheater hat sich zur Neuinszenierung des Klassikers einen Engländer geholt, und im angelsächsischen Theater gilt die Devise "Vertraue dem Text!", aber auch das Gebot "Du sollst nicht langweilen". Rikki Henry befolgt beide Leitsätze, vor allem den zweiten. In zwei Stunden netto sind die sechs Spieler und zwei Spielerinnen mit der Handlung durch. Die retardierende Totengräberszene kurz vor dem finalen Fechtkampf vermisst sowieso niemand, dafür wirken einige sonst oft gestrichene Sätze, etwa über das Wesen des Schauspiels, erfrischend neu. Verwendet wird die Übersetzung von Schanelec/Gosch.

Selbst bei den grellsten Schockeffekten - Nils Strunks treibende Beats und Günter Zaworkas Lichtdesign kreieren zusammen prägende Momente - und überraschenden Volten in der Traumhandlung - was, wenn Hamlet Mutter und Stiefvater einfach das Genick bräche? - bleibt die Regie angenehm unprätentiös. Alles dient der Geschichte. Die Ensemblemitglieder des Landestheaters verzichten mit Ausnahme von Tilman Rose als Schrull-Polonius auf Manierismen, ihr Spiel ist pur, wach und zwingend. So hängt man an Tim Breyvogels Lippen und ist gleichzeitig verblüfft, wie es Laura Laufenberg wohl als erster Schauspielerin seit langem gelingt, der Figur der Ophelia Ecken und Kanten zu verleihen. Zwar fühlt sich dieses Mädchen in der ihr auferlegten goldenen Schminke deutlich unwohl, aber über den weirden On-and-off-Zuwendungen des Prinzen meint sie ebenso d’rüberzustehen wie über den Bevormundungen von Vater und Bruder. Dass sie am Ende dennoch den Verstand verliert, wird plausibel daraus hergeleitet, dass sie Polonius‘ gewaltsamen Tod miterleben muss.

Das Alles-nur-ein-Traum-Konzept ist natürlich keine Neuerfindung des Theaters, auch betont es nicht gerade das Politische des Stoffs. So packend umgesetzt wie hier zeigt es aber immerhin, dass "Hamlet" mehr sein kann als nur eine Bildungsbürgerpflicht. Nämlich eine spannende Geschichte.