Leute, die an nichts zweifeln, nicht einmal an der eigenen Intelligenz, obwohl sie das dringendst tun sollten": So lässt sich die reichhaltige Personage der Roman-Trilogie "Vernon Subtex" der Französin Virginie Despentes umreißen. Mit einer über viereinhalbstündigen Dramatisierung eröffnete das Schauspielhaus Graz die Spielzeit. "Die Informationen schießen durch, und ich sortiere", sagt einer und fährt fort: "Tempo und Omnipräsenz, das ist ein Krieg und ich bin sein Söldner." Aber: "Das Problem ist, dass ich einfach kein Selbstmord-Typ bin." Also Schubumkehr, Aggression nach außen. "Islamophob im Namen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", heißt es einmal.

Regisseur Alexander Eisenach und das Ensemble haben Virginie Despentes’ Bücher ausgeschlachtet und ein Pandämonium entworfen von so sehr Empörten, die selbst bekennenden Wutbürgern das Blut in den Adern gefrieren lassen. Da ist der hoffnungslos aus der Zeit gekippte Popstar, der in der Badewanne sitzt, als ob er den "Tod des Marat" nachstellen wollte. Da ist die mit allen Wassern gewaschene Porno-Queen, der Menschen- und Männerverachtung genau so wie die Verzweiflung darob ins Gesicht geschrieben stehen. Der Filmproduzent ist ein eingefleischter Womanizer und Schweinehund. In Summe anderthalb Dutzend Menschen, eigentlich Intellektuelle und mehrheitlich aus besserem Milieu, sind hineingekippt ins zeitgeistige Gefühl, in die Spirale abwärts geraten zu sein. Alle quasseln endlos, und alle haben begründete Argumente für ihren Radikalismus - aber sie denken dann doch um mindestens einen Schritt zu wenig weit.

Videoprojektionen spielen in der Grazer Aufführung eine zentrale Rolle. Bei einer Party (der als Ganzes uneinsichtige Raum taucht aus der Unterbühne auf und verschwindet wieder) treffen all die Leute aufeinander, Handkamera und Mikrofon verfolgen sie pausenlos. Projektion, Drehbühne, grelle Lichteffekte - in Summe ein schwankendes Wimmelbild.

Vom Zeitgeist verführt

In der Meute der Desperados wird jeder im Publikum eine Figur finden, mit der er sich zumindest ansatzweise identifizieren kann. So sehr einen das Grauen kommt ob des sich in Houllebecque’scher Manier entladenden Ausländer- und Frauenhasses, wird aus dem Roman eine nicht geringe Dosis an Selbstironie auf die Bühne gerettet, ja sogar noch verstärkt.

Die vier Stunden Netto-Spielzeit sind dann doch irgendwie erträglich. Regisseur Eisenach steigt ein auf die Schnellebigkeit unserer im Infotainment hoffnungslos verhedderten Welt und öffnet im sich geradezu überschlagenden Tohuwabohu den Einzelnen doch weite Sprech- und Gedankenräume: Da sehen wir scharf auf die Psychologie der Figuren, erkennen plötzlich, wie und was schiefläuft in diesen malträtierten, getriebenen Seelen. Ach ja, Vernon Subutex selbst: Der Vinylplattenhändler hat geschäftlich Schiffbruch erlitten, aber einer, der so gestrig ist wie er, taugt zum messianischen Anführer der Zeitgeist-Verführten, die mit ihm auf ein Fanal und eine Apokalypse zugleich zusteuern. Aber das kann man fast nicht beschreiben. Auf diese multimediale, mit Musik gefüllte Bühnenorgie muss man sich einlassen. Von dem Nerven und Sitzfleisch strapazierenden Theaterabend geht ein eigenes Faszinosum aus.