Ihre Performances sind trashig und tabulos. Die Wienerin Florentina Holzinger hat sich mit ihrer choreografischen Handschrift innerhalb weniger Jahre einen Kultstatus erarbeitet. Ab 3. Oktober zeigt sie mit "Tanz" den letzten Teil ihrer Trilogie - zuvor "Recovery" und "Apollon" - im Tanzquartier. Mit der "Wiener Zeitung" spricht sie über Leistungsdruck, den Skandal an der Ballettakademie und die Wiener Aktionisten.

"Wiener Zeitung":Sie testen in Ihren Performances Möglichkeiten und Grenzen des Körpers aus - so auch in "Tanz". Hier geht es um die Disziplinierung des Körpers durch das Ballett. Warum gerade Ballett, warum nicht eine Sportart wie Boxen, mit der Sie sich auch auseinandergesetzt haben.

Florentina Holzinger: Es geht mir um das Experimentieren in unterschiedlichen Disziplinen und ich möchte mich nicht auf eine einschränken. Warum Ballett? Ich weiß nicht, das hat sich bei "Apollon" und in Wirklichkeit schon beim "Schönheitsabend" eingeschlichen. Da bin ich tiefer in die Materie eingetaucht, und es hat mein Interesse an der Urmutter des Tanzes geweckt.

Das Ballett als Urmutter des Tanzes?

Die älteren Generationen verbinden mit Tanz Ballett - was dem zeitgenössischen Tanzbegriff gar nicht entspricht. Ballett ist so richtig Vintage. Ich nehme an, dass es mich aus diesem Grund interessiert hat, weil es so ein Museumsding ist, das man entstaubt. Ballett wiederholt und wiederholt sich, es gibt nicht wirklich gute zeitgenössische Vorschläge diesbezüglich. Es sei jetzt dahingestellt, ob ich Ballett mache. Aber ich nenne es halt so.

Haben Sie selbst eine Ballettausbildung absolviert?

In Vorbereitung zu zeitgenössischem Tanz, ja. Also ich habe nicht mit sechs Jahren begonnen, aber ich habe schon hineingeschnuppert und das Training gehört nach wie vor zu einer zeitgenössischen Tanzausbildung. Wichtige Prinzipien des Tanzes, der Koordination des Körpers werden damit vermittelt. Die rigide Form, die Disziplin, die Hyperstilisierung des Körpers durch das Ballett haben mich schon sehr interessiert.

Wie denken Sie als zeitgenössische Tänzerin über den Ballettskandal der Akademie im Frühjahr?

Ich hielt mich während dieser Zeit in Frankreich auf und wurde mehrmals darauf angesprochen. Ich habe wenig Einblick, wie es an der Staatsoper zugeht. Aber das ist genau das, was ich vorher meinte: Ballett gehört entstaubt. Ich habe natürlich in meinem Freundeskreis viele klassische Tänzer, die das bestätigen könnten. Genau zu dieser Zeit haben wir "Tanz" konzipiert. In diesem Stück beschäftigen wir uns mit den Traditionen des Balletts und den Traumata, die daraus entstanden sind, und wie all das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Jede Epoche entwirft ja ihr eigenes Körperbild, wir wollen herausfinden, wie dies zeitgemäß tradiert werden kann.