Bei aller Sympathie für große Träume: Sollte die Wiener Kammeroper ihren neuen Kurs fortsetzen, wären bauliche Adaptionen ratsam. An der Außenfront ließe sich dies einfach verwirklichen: Das Theater am Wiener Fleischmarkt, das neuerdings lieber große Reißer als Kammeropern spielt, könnte die ersten sechs Lettern seines Namens, also vom K bis zum R, abmontieren. Innenseitig müsste man allerdings radikaler zu Werke gehen: Da gälte es, die historischen Theaterwände einzureißen, die angrenzenden Liegenschaften aufzukaufen, die Bühne und den Orchestergraben zu vergrößern, kurzum: jene Voraussetzungen zu schaffen, um der großen Oper wirklich lebenswürdigen Raum zu sichern.

Stattdessen präsentiert sich die Souterrain-Bühne seit längerem immer wieder als Bastelkeller für Kuriositäten. Bisheriger Tiefpunkt: ein "Don Carlos" im Vorjahr in strichdünner Orchesterfassung mit bewegungsarmen Sängern. Wiewohl das unwesentlich sinnvoller wirkte als ein Fußballmatch in der Telefonzelle, ist dem Haus, das vom Theater an der Wien bespielt wird, der Appetit auf Grand opéra nicht vergangen: Seit Dienstag läuft hier Charles Gounods "Faust" in der Pariser Fassung von 1869.

Immerhin: Die Orchester-Bearbeitung von Leonard Eröd beschäftigt (neben Solo-Bläsern) ein Dutzend Streicher und setzt damit einen Hauch von Klangfülle frei. Der Effekt ist dennoch paradox: Gerade wenn Dirigent Giancarlo Rizzi tänzerischen Drive entwickelt, wenn das Wiener Kammerorchester blitzsauber intoniert und die Sänger Feuer fangen, verdeutlicht sich, wie viel Sinnlichkeit diese Musik besäße, würde man sie nach Gounods Willen spielen.

Puppenmacher Nikolaus Habjan bewirtschaftet die Bühne, auch er hat Abstriche vorgenommen: Nur der Mephisto erhält ein körpergroßes Double, die übrigen Puppen, schmächtig anzusehen, werden von Sängern herumgetragen dabei und mehr oder minder bewegt. Die Kleinfiguren haben in diesem Multitasking öfters das Nachsehen, verkommen dann zum Accessoire. Es stellen sich aber auch Höhepunkte ein, in denen Habjans Geschöpfe wie Seelenspiegel wirken: Während sich Faust und Gretchen noch ansingen, knutschen die Alter Egos längst. Und wie sich die gefallene Geliebte dann in der Gefängniszelle fühlt, veranschaulicht eine schaurige Puppenkreuzigung im Hintergrund. Auch Slapstick stellt sich in den drei Opernstunden ein, reißt dem Publikum den Beifall aus den Händen: Ein Trüppchen Minidämonen veranstaltet einen Höllentanz zur Ballettmusik.

Großes Gretchen

Durchwachsen dagegen die Leistungen der Sängerschaft. Quentin Desgeorges (Faust) besitzt ein kerniges Timbre, aber nicht immer die volle Kontrolle darüber; Dumitru Madarasan (Mephistopheles) überzeugt eher im druckvollen Moment, Kristjan Johannesson (Valentin) im süffigen. Dagegen erfreut Ghazal Kazemi (Siebel) ohne Wenn und Aber mit klaren Vokallinien, und Jenna Siladie begeistert als spitzentonsicheres Gretchen restlos: eine Empfehlung, auch für einen echten Gounod-Abend.