Es gibt nichts, das gegen diesen neuen "Sommernachtstraum" in der Wiener Staatsoper spricht. Es ist eine klanglich wie optisch durch und durch stimmige Opernproduktion.

Das Dirigat von Simone Young ist geprägt von einer raumfüllend substanziellen Leichtfüßigkeit. Wie sie Benjamin Brittens musikalische Welten kraftvoll erblühen und fokussiert durch den Raum huschen lässt, wird dem punktuellen Flirren, das der Partitur innewohnt, ebenso gerecht wie dem lautmalerischen Klangwitz des Komponisten. Das Orchester dankte Youngs plastischer Übersicht und Klarheit mit punktgenauem Klangfarbenzauber und auch in den kompakten Linien aufblitzender Spielfreude.

Spielfreude und Poesie, Zauber und Witz sind auch die Schlagworte, die die szenische Umsetzung des "Midsummer Night’s Dream" prägen. Regisseurin Irina Brook hat mit ihrem Team eine zeitlose, angedeutet verwunschene Traum-Zauberwelt auf die Bühne gestellt. Spielplatz aller Szenen ist ein verfallendes Schloss (Bühne: Noëlle Ginefri-Corbel), in dem sich die Natur ihren Platz schon von der Zivilisation zurückzuerobern beginnt. Mit einfachen Mitteln und den detailverliebten, die Figuren klar in ihre Sphären einordnenden Kostümen (Magali Castellan) grenzt sie die einzelnen Spielwelten klar von einander ab und verschränkt sie doch liebevoll wie geschickt.

Hier dürfen Feen Glitzerkronen aus vergoldeten Dornen tragen, Handwerker Arbeitskleidung und der quirlige Puck ein Efeu-Kostüm mit grünem Haarschmuck. Eben jener Puck durchzieht die Produktion - bis in den Zuschauerraum - in Form des niemals still haltenden, schelmischen wie saltospringenden Akrobaten Théo Touvet mit charmanter Lebendigkeit. Doch nicht nur er durchbricht die Statik so manch anderer Opernproduktion.

Eindringliche Farben

Auch die übrigen Figuren zeichnet Brook liebevoll vital, behält bei allem Witz stets den maßvollen Blick für das Wesentliche und erzählt die Geschichte des Feenkönigspaares mit ebenso viel Empathie wie die irregeleiteten Liebesturbulenzen der vier jungen Athener oder die Vorbereitungen des Theaterstücks der Handwerker.

Die Sänger scheinen unter ihrer Regie in Spielfreude zu erblühen. Der amerikanische Countertenor Lawrence Zazzo ist bei seinem Staatsoperndebüt als Oberon der sängerische Schwerpunkt der Produktion, säuselnd und giftig, höchst textverständlich und mit eindringlichen Farben. Klar und präzise auch Erin Morley als Titania, pointiert komödiantisch Peter Rose als Bottom. Einen gelungenen Einstand feierte der junge Kanadier Josh Lovell, der mit der aktuellen Spielzeit neu im Ensemble ist und als Lysander tenorale Hoffnungen weckt. Mit Rafael Fingerlos, Rachel Frenkel und Valentina Nafornita wurde das junge Liebesquartett mit Wanderrucksack und in Schuluniform bestens aus dem Ensemble komplettiert.

Es gibt nichts, das gegen diesen neuen "Sommernachtstraum" in der Wiener Staatsoper spricht. Es ist eine klanglich wie optisch durch und durch stimmige Opernproduktion. Der größte Pluspunkt dieses Abends ist zugleich auch seine einzige Schwäche. Reibflächen bieten sich an diesem perfekten Abend nur im Graben. Auch Abgründe jeglicher Art sucht man vergebens. Zauberhaftes Wohlgefallen statt düsterer Magie - mit dieser Deutung ist die Staatsoper wahrscheinlich näher bei Shakespeare als bei Britten. Für das Repertoire des Hauses - gerade was Stücke aus dem 20. Jahrhundert angeht - ist die erste und heftig bejubelte Neuproduktion der Saison jedenfalls ein absoluter Zugewinn.