Die Sonne geht gerade unter in den Fenstern der gemäßigt stylischen, gutbürgerlichen Pariser Intellektuellen-Dachwohnung (Bühne: Tom Presting). Das Ehepaar Garaud - Garaud-Larchet ist dabei, sich auf seinen Besuch vorzubereiten. Der eine davon ist schon da, das wissen sie (und das Publikum in den Kammerspielen) aber nicht, weil Michael Dangl in den ersten Minuten von "Der Vorname" als eine Art Erzähler fungiert, der die beiden vorstellt. Mit komödiantischen Kniffen wie dem Kommentar: "Ihre Ehe hat Gottes Segen", just dann, wenn sich die beiden besonders leidenschaftlich ankeifen. Der erste Gast ist Claude, ein Freund aus Kindertagen. Er kommt im Frack mit seiner Posaune. Oder Tröte, wie Vincent sagt, jener zweite Gast, in den sich Dangl flugs verwandelt. Vincent ist der Bruder von Elisabeth Garaud-Larchet und der beste Freund von Pierre Garaud. Er wird in Kürze Vater - auch seine schwangere Freundin wird noch kommen -, und da liegt der Hund dieses Abends begraben. Es kommt übrigens auch noch wirklich ein toter Hund vor, aber das ist eine andere Geschichte.

Ätschbätsch-Gelächter

Hat dann auch die Schnauze voll: Susa Meyer als Elisabeth. - © Herwig Prammer
Hat dann auch die Schnauze voll: Susa Meyer als Elisabeth. - © Herwig Prammer

Vincent präsentiert das Ultraschallbild seines Kindes und kündigt eine gute und eine schlechte Nachricht an. Die gute sei das Geschlecht des Kindes, das nämlich ein Bub werden wird. Die schlechte sei freilich, dass der Bub tot sei. Das geschockte Schweigen der Umstehenden unterbricht er mit schallendem Ätschbätsch-Gelächter, und dieser außerordentlich geschmacklose Scherz hätte alle eigentlich schon darauf vorbereiten sollen, was nun folgt.

Denn die Abendgesellschaft möchte nun den geplanten Vornamen für den Nachwuchs erfahren. Erst jagt Vincent sie auf eine unterhaltsame Safari durch das Dickicht der ausgefallenen Männernamen, die mit einem A anfangen. Wenn es originell sein soll, kann es nur Asterix sein. Oder Anaxoretes. Aber Vincent hat sich noch etwas Unkonventionelleres ausgedacht: Er verkündet, dass sein Sohn den Namen Adolphe tragen wird. Die unvermeidliche Assoziation, die Pierre fassungslos auf die Palme bringt, tut Vincent ab: Natürlich habe das gar nichts mit dem berüchtigsten Adolf der Weltgeschichte zu tun, sondern mit dem wichtigsten Adolphe der französischen romantischen Literatur - einer Romanfigur.

Und los geht die wilde Fahrt: Es sei ja wohl ein ungeschriebenes Gesetz, dass man sein Kind nicht nach einem Massenmörder benenne, woraufhin Vincent argumentiert, dann müsse auch die Katze der Garaud-Garaud-Larchets umgetauft werden, denn die heißt Ida und das erinnert definitiv zu stark an Idi Amin. Auch kein Guter. Und Josef, Ziehvater von Jesus, hat Pech gehabt, weil nach ihm kam Stalin, und der hieß auch so. Also Josef No-Go.

Es ist ein so kindisches wie entlarvendes Tauziehen der Vorurteile, das die beiden Männer veranstalten. Und was Vorurteile angeht, hat der Abend noch so einiges zu bieten. Denn die Diskussion um den Adolf ist nur Eskalationsstufe eins in einer nach oben weit offenen Skala: Ein flottes Pingpong am Vulkan der Vorwürfe nimmt seinen Lauf. Schade um das schöne orientalische Essen, das kaum angerührt werden wird. Aber immerhin zeigt es: Wer kulinarisch weltoffen ist, muss noch lang nicht in allen anderen Dingen aufgeschlossen sein.

Generalabwatschung

Michael Dangl gibt in Folke Brabands solide-pointierter Inszenierung diesen Vincent, der für einen Gag über Leichen geht, geschmeidig gerade noch jenseits der Grenze zum Ungustl. Marcus Bluhm lässt wirklich sehr lustig die Fassade des kultivierten Literaturprofessors bröckeln, wohl selten hat jemand so drollig beklagt, dass ihm "ein Mord gestohlen" wurde. Oliver Rosskopf gerät als Claude anmutig und mit Körpereinsatz zwischen die Fronten. Michaela Klamminger als Vincents schwangere Freundin Anna wechselt rasant von Naivität zu scharfer Strenge. Erst spät, dafür mit voller gewitzter Wucht kann Susa Meyer als Elisabeth mit einer gnadenlosen Generalabwatschung punkten. Mit seinen etwa 90 Minuten ist "Der Vorname" in den Kammerspielen perfekt getimte, intelligente Unterhaltung.