Es war eine Zauberwelt voller feenhafter Wesen in weißen Tutus, die über die Bühne schwebten: das romantische Ballett des 19. Jahrhunderts mit seinen Sylphiden und Willis. Florentina Holzinger holt diese verklärte Welt radikal sowie schockierend ins 21. Jahrhundert. "Tanz - Eine sylphidische Träumerei in Stunts" hatte am Donnerstag im Wiener Tanzquartier Premiere.

Fast wäre es ein übliches, verkürztes Balletttraining an der Stange, wäre da nicht Beatrice Cordua. Denn nackt beschreibt sie die Übungen - unvorstellbar beim klassischen Ballett. 1972 löste ihre Nacktheit noch einen Skandal aus, als die ehemalige Erste Solistin erstmals John Neumeiers "Le sacre du printemps" tanzte. Heute entledigen sich die Performerinnen in "Tanz" ganz selbstverständlich Stück für Stück ihrer Kleidung. Zur Freude der Trainerin, die mit steigernder Begeisterung eine Vagina-Inspektion anordnet. Parallelen zum Wiener Ballettakademieskandal sind kein Zufall. Das Stück entstand zeitgleich und arbeitet sich neben der sexuellen Belästigung auch an weiteren Vorwürfe ab, Machtmissbrauch, Drill und Dünnheitswahn genauso wie das Grundthema des Abends: die Disziplinierung des Körpers. Damit schließt sich die Trilogie - "Recovery" und "Apollon" waren die ersten beiden Teile -, in deren Mittelpunkt der Körper als Spektakel steht. Und ein Spektakel bietet Holzinger allemal: Die fliegenden Sylphiden kraxeln hier auf Geländemaschinen hoch in der Luft, im Wald des zweiten Aktes im romantischen Ballett wird in Großaufnahme eine Ratte geboren und eine Hexe kocht ein Puppenbaby. Zwischendurch erklärt Holzinger dem Publikum, worum es in der Performance eigentlich geht und zeigt per Geldscheintrick die Umverteilung von Macht.

Statt Flügelchen Metallhaken

Auch in dieser Performance gibt es schwebende Tänzerinnen, jedoch nicht von Tänzerkraft durch den Bühnenraum getragen, sondern an den Haaren in die Luft gezogen, um in blutroten Spitzenschuhen die Füße und Beine aneinander zu schlagen. Schon jetzt ziehen viele Zuschauer hörbar die Luft ein. Wortwörtlich unter die Haut geht das Finale, in dem Theaterblut und echtes Blut fließen: Auf zwei Videowalls wird in Großaufnahme gezeigt, wie einer Performerin Metallhaken unter die Haut gestochen werden. Da, wo Sylphiden ihre kleinen Flügelchen haben. An diesen Haken wird sie in die Luft gezogen - immer wilder wird dieser Hexenritt auf einem Besen.

Die Schmerz- und Schockgrenze hat Holzinger in ihrer zweistündigen Show ein weiteres Mal ausgedehnt. Das erwartet man auch von einem Spektakel der Wiener Performerin, sofern man sich von Warnungen zu "verstörenden Wirkungen" des Gesehenen nicht vom Kartenkauf abschrecken lässt. Holzinger weiß trotz einiger Längen zu emotionalisieren - so, dass es schmerzt.