Wien. Schon bei der Suche nach der neuen künstlerischen Leitung ist die schwierige finanzielle Lage des Wiener Volkstheaters stets präsent gewesen. Die damaligen Warnungen waren offenbar völlig berechtigt. Der Stadtrechnungshof hat nun in einem umfangreichen Bericht die seiner Ansicht nach "prekäre Lage" dargelegt. Er fordert dringend ein Konzept zur Rettung der Bühne.

Die Gebarungsprüfung der Volkstheater Gesellschaft mbH hatte den Umgang mit den laufenden Subventionen der vergangenen Jahre zum Gegenstand. Die bauliche Sanierung des Theaters war nicht Teil der Untersuchung. Die Gesellschaft erhielt laut Stadt-RH für die Geschäftsjahre 2015/16, 2016/17 und 2017/18 Subventionen der Stadt Wien für das Haupthaus und das Volkstheater in den Bezirken in der Höhe von rund 21,9 Millionen Euro.

Schon in den jeweiligen Jahresabschlüssen wurde, so konstatierte der Stadt-RH, darauf hingewiesen, dass die Zahlungsfähigkeit von den Subventionen abhängig sei, daher wurde angeführt, dass es nötig sei, weitere Mittel zu lukrieren.

Auch die Prüfer schätzen die Situation eher dramatisch ein. Die Eigenmittelquote lag etwa nur knapp über acht Prozent. Diese Kennzahl ist laut Rechnungshof mit ein Indiz für die prekäre Lage des Theaters. Auch die Besucherzahlen seien zuletzt stark gesunken, wobei der Durchschnittswert 136.700 betrug. Im Haupthaus betrug der Rückgang sieben Prozent, das Volkstheater in den Bezirken musste noch mehr Federn lassen.

Die Sitzplatzauslastung blieb hingegen relativ gleich, was laut den Prüfern daran lag, dass die Zahl der aufgelegten Karten reduziert wurde. Trotzdem wurde die Auslastung als "sehr gering" eingestuft. Sie betrug im Prüfzeitraum lediglich rund 56 Prozent. Der Zuschuss pro Besucher machte immerhin 91 Euro aus. Das ist ein beträchtlicher Anstieg, vor mehr als zehn Jahren lag der Zuschussbedarf noch bei 56 Euro. Auch der Anteil der Freikarten - rund acht Prozent - wurde als zu hoch eingestuft.

Sanierungskonzept

Kritisiert wurde auch die Anzahl der Überstunden. Diese fielen fast ausschließlich im Bereich Technik an. Hier wurde eine dringende Evaluierung empfohlen. Auch Prämien von Mitarbeitern ohne entsprechende Nachweise über erbrachte Leistungen wurden geortet. Dass vom Unternehmen auch Verkehrsstrafen etwa wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen bezahlt wurden, hielt der Rechnungshof ebenfalls nicht für angebracht.

Auffällig war vor allem ein Anstieg der Aufwendungen im Geschäftsjahr 2017/2018, wobei sich unter anderem gestiegene Kosten für künstlerische Leistungen und Musik negativ auswirkten. Laut Volkstheater ergaben sich diese durch einige große Produktionen. Der Rechnungshof empfand die Ausgaben angesichts der finanziellen Situation der Bühne aber als "nicht angebracht".

Auch der vom Rechnungshof geortete Anstieg der Kosten für Tantiemen wurde kritisch beäugt. Der Stadt-RH erinnerte daran, dass schon 2003 dem benachbarten Theater in der Josefstadt im Sanierungskonzept empfohlen worden sei, vorzugsweise tantiemenfreie Stücke auszuwählen. Dem Volkstheater wurde ebenfalls eine diesbezüglich "bewusste Auswahl" an Aufführungen nahegelegt.

Bemängelt wurde auch die Ablauforganisation. Eine systematische Dokumentation der wichtigsten Betriebsabläufe fehle: "Im Wesentlichen leitete sich das Handeln der Mitarbeitenden aus der Verfolgung des Gesellschaftszweckes, aus einzelnen Dienstanweisungen sowie den gewohnten Abläufen ab." Eine interne Revision wurde ebenfalls vermisst. Der Rechnungshof konstatierte "dringenden Reformbedarf". Um darzulegen, wie die Situation verbessert werden könnte, zogen die Prüfer das Josefstadt-Sanierungskonzept aus dem Jahr 2000 zurate. Darin sind unter anderem kurzfristige finanzielle Beiträge der Mitarbeiter, preiswertere Inszenierungen, flexiblerer Personaleinsatz, eine Reform des Zulagensystems, aber auch eine "ansteigende Subventionslinie", also mehr Geld, um die Personalkostensteigerungen abzudecken, angeführt.

Dies alles mündet in der Forderung, auch für das Volkstheater ein Sanierungskonzept zu erarbeiten. Die Gesellschaft stellte ein solches in einer im Bericht erhaltenen Stellungnahme tatsächlich in Aussicht: "Im Rahmen der 3-Jahres-Planung für den Zeitraum nach der Sanierung des Volkstheatergebäudes ist vorgesehen, alle Bereiche auf Einsparungs- und Effizienzpotenziale zu prüfen. In Summe soll dadurch eine nachhaltig stabile wirtschaftliche Situation herbeigeführt werden."

Umstrukturierung folgt

"Im künstlerischen Betrieb wird stets auf die schwierige wirtschaftliche Lage des Hauses Rücksicht genommen", betonte der kaufmännische Geschäftsführer des Volkstheaters Wien, Cay Stefan Urbanek, in einer kurzen schriftlichen Stellungnahme zum RH-Bericht. Der Betrieb werde gerade einem umfassenden Umbruch unterzogen. "Die Sanierung des Gebäudes und die Bestellung von Kay Voges als künstlerischer Direktor ab September 2020 führen zu grundlegenden Veränderungen im Betrieb und den künstlerischen Schwerpunktsetzungen", so Urbanek.